„Es war Wahnsinn“: 60 Holsteiner Pferde ratzfatz versteigert
Es war der Wahnsinn: Andrang zur Auktion am Nord-Ostsee-Kanal Foto: Kurt Broeker/Facebook

„Es war Wahnsinn“: 60 Holsteiner Pferde ratzfatz versteigert

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Das hat das Reitsportzentrum Am Moltkestein direkt neben dem Nord-Ostsee-Kanal noch nicht erlebt: 3 ha Wiesen keine Wiesen mehr, weil sie zu Parkplätzen umfunktioniert wurden, die Stallgassen und die große Reithalle voll mit Interessenten, dazu eine lange Schlange von warm eingepackten Menschen vor dem Büro, die sich eine Bieterkarte abholen wollten. Das Interesse für die 60 Pferde mit bester Holsteiner Genetik, die auf einer Zucht-Anlage bei Bad Segeberg vom Kreisveterinäramt sichergestellt wurden und hier am Samstag zur Versteigerung durch Auktionator Volker Raulf kamen, war riesengroß. Wie der Dirigent der Auktion selbst sagte, wäre in den geparkten Hängern und Lkw Platz für 600 Pferde gewesen.

Dabei stand die ganze Veranstaltung bis zum Beginn auf Messers Schneide. Denn während die Firma Johannsmann die Pferde aus ihren Gast-Unterkünften auf Holsteiner Höfen heranholte und die Bieter aus ganz Deutschland, Belgien, Polen oder den Niederlanden in ihren Autos  gen Rendsburg rollten, war Volker Raulf darauf vorbereitet, alles in letzter Minute abzusagen. Eine Einstweilige Verfügung war zwar in erster Instanz abgelehnt worden, aber was, wenn…

Doch alles blieb planmäßig. Mit 1.000 bis 1.500 Euro ging es jedes Mal los. Nach der zehnten Runde wussten die, die auf ein Schnäppchen aus waren, dass dies nicht ihr Tag war, und mindestens einhundert Autos rauschten davon.

Es ging Hammerschlag auf Hammerschlag. Der Auktionator stellte ein Pferd nach dem anderen mit allem vor, was er wusste. Da gab es einen „Verlade-Abenteurer“, aber auch einen, der angeblich nach jedem schnappt – aber dann ganz handzahm mit einem Studenten hereinkam. Es hängt eben vieles vor allem vom Verhältnis Mensch-Tier ab.

Manchmal ging auch mehr als ein Pferd gemeinsam mit Stallgenossen auf die Reise in den neuen Stall. Drei sogar machten sich zusammen auf den Weg Richtung Belgien in eine hoffentlich sonnige Zukunft: eine kleine zweijährige Stute von Million Dollar x Stakkato, ein einjähriger Hengst von Uriko x Cassini und eine achtjährige Stute von Stakkato x Landgraf. „Drei Super Pferde mitgebracht“, jubelten die neuen Besitzer via Facebook.

Das Höchstgebot gab es für eine fünfjährige Schimmelstute von Colman x Esteban XX mit der Katalognummer 60 für 12.000 Euro. Der Durchschnittspreis der Auktion lag bei rund 5.600 Euro. Jeder der Aufgerufenen fand einen neuen Stall, keiner verließ ohne Zuschlag die große Halle.

Dennoch gab es für vier Auktions-Kandidaten erst einmal kein Happy Ende. Sie konnten nicht kommen. Einer, ein hübscher schwarzbrauner Wallach mit dem Namen „Stakkato’s Sir“, kurierte sich weiter in seiner Gastbox in Ostholstein aus: Dem Sechsjährigen von Stakkato x Sir Shostakovich war der ganze Stress offenbar auf den Magen geschlagen und hatte zu Magengeschwüren geführt. Ein paar Tage vor dem Versteigerungstermin musste er aus seiner Gastbox mit Kolik in die Tierklinik gebracht werden.

Er kann jetzt direkt verkauft werden, genauso wie die siebenjährige Schimmelstute von Clearway x Cassini, die nicht nur unter Ataxie, sondern offenbar auch unter Shivering leidet, und der achtjährige dunkelbraune Wallach von Diarado x Cassini, der sich vor dem entscheidenden Tag verletzte. Der vierte Am Moltkestein fehlende Kandidat hatte schon im Katalog außer seiner Nummer 48 nicht einmal mehr Foto und Beschreibung erhalten.  Ein „multipler Hüftbruch“ setzte ihn außer Gefecht.

Am Ende stand kurz vor 16 Uhr ein Ergebnis, das manche andere Auktion in den Schatten stellt – was für den Auktionator, vor allem aber für die vermutete Qualität der Pferde spricht: Mehr als 300.000 Euro wurden mit dem Ordnungsamt in bar abgerechnet, das die Scheine unter Polizeischutz zur nächsten Sparkasse brachte. Gegen 18 Uhr war alles erledigt, Volker Raulf konnte ins gepackte Auto zur Heimfahrt einsteigen. Sein Fazit in drei Worten: „Es war verrückt.“