Wenn bei Weltmeisterschaften, Europameisterschaften oder Olympischen Spielen über die Medaillen entschieden wird, kommt es häufig auf Nuancen an. Die Pferde sind hervorragend ausgebildet, die Reiter bestens vorbereitet. Und doch gelingt es manchen Athleten, ihre Leistung genau dann abzurufen, wenn es darauf ankommt, anderen nicht. Der Unterschied liegt häufig im Kopf.
Mentale Stärke ist längst kein Thema mehr, das ausschließlich Spitzensportler beschäftigt. Die Grundprinzipien gelten genauso für die Jugendliche auf ihrem ersten Championat, den ambitionierten Amateur auf dem Wochenendeinsatz oder die Reiterin, die nach einem schwierigen Ritt wieder Vertrauen gewinnen möchte. „Mentale Stärke ist die Fähigkeit, unter Druck leistungsfähig zu bleiben, mit Rückschlägen umzugehen und die eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen gezielt zu steuern“, erklärt Sportpsychologin Dr. Gaby Bußmann. Oder anders gesagt: Es geht darum, das, was man eigentlich kann, im entscheidenden Moment auch zu zeigen.
Warum unser Gehirn manchmal nicht unser bester Verbündeter ist
Vor dem Start brauchen Sportler eine gewisse Anspannung. „Grundsätzlich sind wir Menschen zunächst so eingestellt, eher auf Risiken und mögliche Probleme zu schauen als auf das, was gut läuft“, sagt Bußmann. Diese Neigung ist tief in uns verankert. Für Reiter bedeutet sie allerdings, dass nach einem Fehler oder einer schwierigen Prüfung schnell Gedanken entstehen wie: „Heute läuft gar nichts.“ „Das ist nicht mein Wochenende.“ „Hier bin ich noch nie gut geritten.“ Genau an diesem Punkt beginnt mentale Stärke. Denn erfolgreiche Reiter – vom Nachwuchstalent bis zum WM-Starter – haben gelernt, ihre Gedanken bewusst zu lenken und sich auf das zu konzentrieren, was ihnen Sicherheit gibt.
Zurück zu den Wurzeln
Gerade wenn die Erwartungen steigen, hilft oft ein überraschend einfacher Gedanke. Gaby Bußmann bringt ihn auf den Punkt: „Warum habe ich eigentlich angefangen zu reiten?“ Wer sich diese Frage ehrlich beantwortet, landet selten bei Medaillen oder Platzierungen. Viel häufiger geht es um die Freude am Pferd, das Gefühl im Sattel oder die besonderen Momente mit dem vierbeinigen Partner. „Back to the roots“, nennt Bußmann das. Diese Rückbesinnung kann Druck herausnehmen. Sie erinnert daran, dass die Leidenschaft für Pferde lange vor den sportlichen Zielen da war. Und sie erinnert auch daran, dass die Passion für das Pferd der tägliche Antrieb ist. Gestern, heute, morgen. Deshalb ist genau das ein Gedanke, den sich jeder Turnierreiter gelegentlich gönnen sollte – egal ob vor dem nächsten Training, auf dem Abreiteplatz eines ländlichen Turniers oder bei einer Weltmeisterschaft.
Das Viereck ist immer gleich
Wer unsere Spitzenreiter beobachtet, stellt oft fest: Ihre Ruhe wirkt beeindruckend. Dabei spüren auch sie Anspannung, gerade bei einem Championat, das zum Glück nie zur Routine wird. Der Unterschied liegt darin, wie sie mit der Anspannung umgehen. Verschiedene Aspekte können hier Sicherheit geben. Zum einen hilft es, sich vor Augen zu führen, dass Anspannung positiv und negativ sein kann. Die Pferde machen es uns vor: Ohne positive Anspannung können sie ihnen gestellte Aufgaben nicht bewältigen. Ist die Anspannung zu hoch, verwandelt sie sich in Verspannung und dann glücken selbst die einfachsten Aufgaben manchmal nicht mehr.
Doch wie kann ein Reiter sich erden? Ein Satz, den Bußmann Dressurreitern immer wieder mitgibt, lautet: „Das Viereck ist immer gleich.“ Ob E-Dressur, nationales Turnier oder eine Weltmeisterschaft im eigenen Land – die jeweilige Aufgabe verändert sich nicht. Die Lektionen bleiben dieselben. Das Können bleibt dasselbe. Was banal klingt, enthält eine wichtige Botschaft für jeden Reiter: Nicht der Ort entscheidet über die Leistung, sondern die Vorbereitung. Wer zuhause einen sauberen Übergang reiten kann, kann ihn grundsätzlich auch auf dem Turnier reiten. Die Kunst besteht darin, diesem Können zu vertrauen.
Nach dem Fehler ist vor der nächsten Aufgabe
Eine der größten Herausforderungen im Pferdesport ist der Umgang mit Fehlern. Die Grußaufstellung schief. Ein Wechsel misslungen. Die Distanz zum Sprung passt nicht perfekt. Viele Reiter beschäftigen sich gedanklich noch Sekunden oder gar Minuten später mit diesem einen Moment – während die Prüfung längst weitergeht.
Bußmann arbeitet deshalb mit einem einfachen Prinzip: WIN – What’s Important Now? Was ist jetzt wichtig? Nicht der Fehler von vor 30 Sekunden. Nicht die Sorge um die Wertnote. Sondern die aktuelle Aufgabe. „Kopf, Körper und Pferd müssen im Hier und Jetzt sein“, beschreibt sie es. Die besten Reiter beherrschen genau das. Sie analysieren Fehler später. Im entscheidenden Moment richten sie ihren Fokus wieder auf die nächste Aufgabe. Eine Fähigkeit, die sich jeder Reiter abschauen kann.
Das Gehirn trainieren wie einen Muskel
Mentale Stärke fällt nicht vom Himmel. So wie sich Lektionen, Sprünge oder Übergänge trainieren lassen, lässt sich auch der Kopf trainieren. Viele Spitzenathleten arbeiten deshalb mit Visualisierung. Sie stellen sich Abläufe vor, spielen Prüfungen gedanklich durch und entwickeln ein klares Bild davon, wie sich der Ritt anfühlen soll. Für den Anfang muss das nicht kompliziert sein. Wer vor dem Turnier einmal bewusst durchgeht, wie die Prüfung aussehen soll, welche Hilfen er geben möchte und wie sich das Pferd anfühlen soll, trainiert bereits seine mentale Vorbereitung.
Die Kraft der richtigen Worte
Einen weiteren Unterschied macht der sogenannte Self Talk – die innere Stimme. Während manche sich vor dem Start erzählen, was alles schiefgehen könnte, nutzen erfolgreiche Athleten ganz bewusst stärkende Gedanken.
Gaby Bußmann nennt sehr gute Beispiele, aus denen sich jeder den für sich passenden herauspicken kann und für sich verfeinern kann:
- „Dafür habe ich trainiert.“
- „Ich zeige heute, was wir können.“
- „Wir sind ein starkes Team.“
- „Genau das will ich.“
- „Das kann ich.“
Diese Sätze wirken nicht, weil sie magisch wären. Sie erinnern an Fakten. An Trainingseinheiten. An Fortschritte. An bereits gemeisterte Herausforderungen. Und genau diese Erinnerungen schaffen Zuversicht.
Was erfolgreiche Reiter verbindet
Gibt es etwas, das nahezu alle erfolgreichen Reiter gemeinsam haben? Für Gaby Bußmann lautet die Antwort ohne Zögern: „Leidenschaft.“ Leidenschaft für Pferde. Leidenschaft für den Sport. Und die Bereitschaft, auch dann weiterzumachen, wenn es einmal nicht läuft.
Denn der Weg nach oben verläuft selten geradlinig. Dazu nutzt Bußmann das Zitat: „Zum Erfolg gibt es leider keinen Lift. Wir müssen die Treppe benutzen.“ Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft, die wir von unseren WM-Reitern mitnehmen können. Nicht die perfekte Runde macht den Unterschied. Nicht das eine große Erfolgserlebnis. Sondern die Fähigkeit, dranzubleiben. Aus Fehlern zu lernen. Sich an den eigenen Fortschritten zu orientieren. Und immer wieder mit Zuversicht in die nächste Aufgabe zu gehen. Denn mentale Stärke beginnt nicht erst bei Weltmeisterschaften. Sie beginnt beim nächsten Training. Beim nächsten Turnier. Und bei der Entscheidung, sich selbst zu vertrauen.
Unsere Expertin: Dr. Gaby Bußmann
Die frühere Leichtathletin und Sportpsychologin steht den deutschen Top-Reitern seit mehr als 20 Jahren sportpsychologisch zur Seite. Seit 2006 gehört sie regelmäßig zum „Team behind the team“ bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. Sie ist Mitautorin des Buches „Mental stark im Pferdesport“.
Quelle: FN Pferdesport Deutschland
