Wo sich Steve Guerdat wohl fühlt: “Ich komme bestimmt wieder nach Hohen Wieschendorf.”

Steve Guerdat ist mir vier Pferden zur DKB Pferdewoche in Hohen Wieschendorf angereist, darunter seine WM-Hoffnungen für Aachen Nummer eins und zwei. Es ist die Premiere des Olympiasiegers bei dem Vier-Sterne-Event mit Ostsee-Charme. Welche Pferde hat er dabei? Was genießt er besonders? Wie blickt er auf die Turnierzukunft? Am Rande der DKB Pferdewoche hat spring-reiter.de mit dem Schweizer Spitzenreiter und Olympia-Sieger Steve Guerdat über Willkommens-Kultur, Fake-Erlebnisse auf Turnieren und die schwierige Entwicklung in der Turnierlandschaft gesprochen.
 
Steve, Sie sind zum ersten Mal bei der DKB Pferdewoche in Hohen Wieschendorf – wie ist Ihr erster Eindruck.
Steve Guerdat: Ich bin am Mittwoch hier angekommen und habe drei Pferde geritten – das war so angenehm. Ich genieße richtig das Klima, die frische Luft hier. Und die Bedingungen sind super: die Stallungen, die Ausschreibung, der Abreiteplatz. Oft sind die Abreiteplätze nicht so groß, aber hier ist unheimlich viel Platz, außerdem hat man überall Platz, mit den Pferden zum Grasen zu gehen. Es ist wirklich alles tiptop.
 
Ihre Wahl Nummer eins für die Weltmeisterschaft, wenn sie sich weiter so entwickelt wie geplant, ist Dynamix de Belheme. Mit ihr sind Sie 2023 Europameister geworden, jetzt war die Stute ein paar Monate verletzt, aber sie haben Sie mit nach Hohen Wieschendorf gebracht.
Steve Guerdat: Ja, genau. Es war nichts Schlimmes, aber man nimmt sich mit so einem Pferd immer ein bisschen extra Zeit. Ich habe sie hier zum Training mit, um dann langsam wieder mit Turnieren anzufangen und Richtung Weltmeisterschaft zu denken. Mit Iashin Sitte und Venard de Cerisy habe ich zwei weitere Pferde, die Championatserfahrung haben und für die Weltmeisterschaft in Frage kommen, aber ich weiß, wenn ich auf dem Podium stehen möchte – dann mit Dynamix. Iashin ist auch dabei, für ihn ist Hohen Wieschendorf das erste Turnier seit dem Weltcup-Finale in Texas, wo wir Sechste geworden sind. Seitdem hatte er Pause und soll hier mit zwei 1,40-Meter-Springen wieder anfangen, in Vorbereitung auf den Nationenpreis in St. Gallen.
 
Für die Vier-Sterne-Tour haben Sie zwei weitere Pferde mitgebracht…
Steve Guerdat: Das sind Lancelotta und Hadj de Bliniere. Lancelotta hat schon viel gewonnen, auch schwere Springen, man kann sie unheimlich vielfältig einsetzen. Sie ist mit Blick auf den Großen Preis hier in Hohen Wieschendorf meine Nummer eins. Und Hadj ist ein Neunjähriger, den ich Anfang des Jahres in Frankreich vom Video gekauft habe. Er ist ein ganz wildes Pferd, aber ich glaube, er hat Potenzial. Mit ihm starte ich am Samstag im Championat, das wird seine bisher größte Aufgabe, sein erstes 1,55-Meter-Springen.
 
Sie sind mehr als 900 Kilometer nach Hohen Wieschendorf angereist – warum?
Steve Guerdat: Es gab kein für mich interessantes Turnier, das näher war. Ich wollte nicht nach Rom und alle anderen waren höchstens 200 Kilometer weniger weit entfernt. Ich hatte aber schon so viel Gutes über dieses Turnier hier gehört und ich reite sehr gerne neue Turniere. Man sieht neue Plätze, andere Leute, auch andere Pferde – das finde ich interessant. Und ich habe den Organisator kennengelernt, der ist supernett und es ist schön, Teil dieses Turniers zu sein. Ich kann jetzt schon sagen: Ich komme bestimmt wieder.
 
Sie waren schon auf nahezu allen Turnierplätzen rund um die Welt. Wie würden Sie den Turnierstandort Hohen Wieschendorf einordnen?
Steve Guerdat: Es ist selten, dass ein Turnier wirklich das ausstrahlt, was es ist. Wenn ich auf ein Turnier der Global Tour gehe, fühle ich mich nicht wohl. Da ist eigentlich alles Fake – die Leute, die Atmosphäre, die Stimmung. Alles ist irgendwie gespielt und nicht echt. So empfinde ich das. Wenn man hier ankommt, ist es gemütlich. Man ist willkommen und die Pferde sind auch willkommen, die Atmosphäre ist familiär. Die Leute sind gerne da und das strahlen sie auch aus.
 
Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. Haben Turniere wie Hohen Wieschendorf langfristig eine Chance gegen die von Ihnen beschriebenen Turniere mit viel ‚Fake‘, aber häufig auch enormem Preisgeld?
Steve Guerdat: Es ist ganz sicher schwierig. Dank dieser hochdotierten Touren gibt es mehr Geld in unserem Sport, das stimmt. Wenn die anderen Turniere mithalten wollen, müssen sie auch diese Menge Geld auszahlen. Und es wird immer schwieriger, Sponsoren zu finden. Das ist ein Problem. Ich verstehe auch nicht, warum wir immer mehr neue und teilweise gesichtslose Touren erfinden müssen. Es wäre doch viel interessanter, das Geld in die Traditions-Turniere oder den Weltcup zu investieren.

Steve Guerdat fürchtet, dass die Rechnung für einen Sponsor in Zukunft vielleicht nicht mehr aufgeht:

Steve Guerdat: Eigentlich machen es nur noch Leute, die Pferde einfach gern haben und die diesen Sport lieben, emotional verbunden sind. Ich habe gerade gelesen, dass der Hauptsponsor von Stuttgart ausgestiegen ist. Das ist doch sinnlos. Das kann ich nicht nachvollziehen. Das Turnier ist ja sowas von geil und Stimmung da.

Wird Geld im Springsport überbewertet?
Steve Guerdat: Ich bin manchmal schon überrascht, wenn manche Kollegen von ‚nur‘ 200.000 Euro Preisgeld im Großen Preis sprechen. Das ist wahnsinnig viel Geld. Also, wir Reiter leben schon ein bisschen fern der Realität, auch wenn wir natürlich hohe Kosten haben, das ist so. Aber wenn es zum Beispiel um Preise von Pferden geht, das ist total außer Kontrolle geraten. Da werden teilweise Millionen für ein Pferd bezahlt, Summen, die über Gewinn-Gelder nur in den seltensten Fällen wieder zurück fließen. Und ich finde, das ist ein bisschen weit weg von der Realität.
 
Eine Frage darf auf dem Erdbeerhof Glantz natürlich nicht fehlen: Essen Sie gerne Erdbeeren?

Steve Guerdat: Nicht so gerne wie meine Tochter (schmunzelt), aber ich esse gerne Erdbeeren, eigentlich fast alle Früchte. Und noch viel lieber esse ich Spargel.