“Wir professionellen und erfahrenen Reiter haben auch eine gewisse Deutungs-Hoheit.” Interview mit dem Springreiter und Trainer Alois Pollmann-Schweckhorst

Er hat das Pferde-Gen „mit der Muttermilch aufgesogen“, ist in einer Reitschule groß geworden, hat selber bei Springsport-Legenden wie Hans Günter Winkler und Paul Schockemöhle trainiert, ist etliche Championate und Nationenpreise für Deutschland geritten, wurde mit dem legendären Springpferde-Vererber Chacco-Blue Dritter bei der Deutschen Meisterschaft und ist heute ein international gefragter Trainer: Alois Pollmann-Schweckhorst ist ein Pferdemann durch und durch. Wir haben mit dem 61-jährigen Rheinländer, der sogar einige Jahre norwegischer Equipe-Chef war und 2025 auch zweimal als „Aushilfs-Chef d‘Equipe“ fungierte, über seine anhaltende Leidenschaft und Faszination für „die Pferde“ gesprochen, über den Umgang mit Kritik im Pferdesport, aber auch über Chancen und über „geniale“ Reiter. Und er hat erklärt, warum es wichtig ist, die „Deutungs-Hoheit“ zu behalten. 

Du bist in den letzten Jahren viel mit Christian Ahlmann auf internationalen Turnieren unterwegs gewesen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit? 

APS: Das fing im Jahr 2023 an. Die Verbindung kam über die Shanghai Swans, das Team der Global Champions League. Meine Schülerin, die amerikanische Springreiterin Alexandra Thornton, hatte Anteile an dem Team. Weil sie aber selber in den letzten Jahren nicht aktiv auf Turnieren ritt und sich um ihre berufliche Weiterbildung kümmerte, wurde sie gefragt, ob sie ihr ein oder anderes Pferd ihrem Team-Mitglied Christian Ahlmann zur Verfügung stellen würde. Sie hat dem zugestimmt. Und so kam Blueberry zu Christian Ahlmann. Die Voraussetzung, dass Christian Blueberry reiten durfte, war, dass das Pferd in seinem ursprünglichen Stall in Valkenswaard auf der Anlage von Oliver Lazarus bleibt. Christian bekommt das Pferd zu den Turnieren geliefert – eine Konstellation, die natürlich grundsätzlich auf diesem Niveau nur ganz schwer möglich ist. Nun war die Vorgabe so und wir haben versucht, dass auch so in die Tat umzusetzen. Jetzt im Nachhinein muss ich sagen, ist es total gut. Wir haben einen tollen Bereiter zu Hause, der das Pferd dressurmäßig reiten kann und Konditionstraining macht. Ich komme zweimal die Woche und reite Blueberry zu Hause oder wir gehen mal zum Training in der Umgebung. Damit halte ich die Stute, die im Übrigen das liebste und süßeste Pferd ist, in Gang. Das funktioniert sehr gut. Christian Ahlmann und ich harmonieren sehr gut zusammen. Durch die engere Zusammenarbeit habe ich noch einmal so richtig erlebt, was für ein Genie Christian als Reiter ist. Er ist ein Minimalist bei der Vorbereitung. Wenn ich ihm auf dem Abreiteplatz zuschaue, das ist einfach auf den Punkt. Kein Sprung zu viel, und er springt auch so gut wie nie die Höhe, die im Parcours verlangt wird. Er sorgt dafür, dass sich die Pferde wohl fühlen und Vertrauen haben. 

In diesem Jahr möchte Alexandra Thornton, die auf sehr hohem Niveau geritten ist, selber wieder anfangen zu reiten. Natürlich mit Blueberry, weil das Pferd auch für sie sehr gut passt. Aber ich denke, wir werden über Alexandra Thornton auch weiter eng mit Christian Ahlmann zusammenarbeiten. Weil es einfach gut passt, auch persönlich verstehen wir uns sehr gut. 

Du bist selber seit Deiner Jugend auf internationalem Top-Niveau geritten – startest aber heute nicht mehr…?

APS: Nein. Ich selber reite nicht mehr Turnier. Ich würde nicht ausschließen, irgendwann wieder zu starten, aber es hängt auch von der Gelegenheit ab. Bevor Christian Blueberry übernahm, bin ich sie auch auf Turnieren geritten, wenn auch auf einem anderen Niveau. Aber wenn ich eine Startgenehmigung brauche auf 3- oder 4-Sterne Niveau, dann ist das schon schwierig. Christian hingegen kann sich das aussuchen. Ich habe noch Spaß dran, Pferde zu reiten und auszubilden, aber es ist ja auch immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Ich habe mit meiner Frau damals auch lange einen Stall gehabt. Da war man sehr gebunden. Natürlich habe ich auch immer gerne trainiert. Ich bin in einer Reitschule groß geworden, da habe ich das Unterrichten und Trainieren quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Aber wenn man zum Beispiel einen Lehrgang gegeben hat, war man von zu Hause weg, und im eigenen Stall warteten noch so viele Dinge, die erledigt werden mussten. Da hatte man immer ein wenig Stress und man kommt in so ein Spannungsfeld und das tut beiden Seiten nicht gut. Deswegen bin ich derzeit froh, keinen eigenen Stall zu haben. Ich habe noch zwei Pferde, an denen ich beteiligt bin. Einen hat meine Frau gezogen aus einer Chacco-Blue Stute, was für mich natürlich immer eine Herzensangelegenheit ist. Das andere Pferd habe ich zur Hälfte, die Beiden sind fünf und sechs, mal gucken, wie sich das entwickelt.

Und dann lacht Alois Pollmann-Schweckhorst und schmunzelt: 

Ich träume immer noch von einer kleinen eigenen Reitanlage mit einer großen Reitwiese und Naturhindernissen, wo man Pferde in Ruhe ausbilden kann. Davon träume ich immer noch. Aber das ist ja auch erlaubt. 

Wer begeistert Dich heute im Reitsport, wem siehst Du gerne zu?

APS: Das ist ähnlich wie die Frage, wer ist für dich der beste Reiter der Welt. Da könnte ich 15 Namen nennen, es gibt so viele tolle und außergewöhnliche Reiter, denen ich wirklich gerne zusehe. Weil ich natürlich auch am dichtesten dran bin, würde ich erst mal sagen Christian Ahlmann. Den finde ich absolut genial. Was er für eine feine Art hat. Das habe ich bei Untouched LB gemerkt. Das ist ein Pferd, das mit viel Selbstbewusstsein ausgestattet ist, aber er hat eine kurze Zündschnur. Da hat Christian ein tolles Gefühl und Gespür dafür. 

Es gibt ja auch diesen Spruch: You can’t keep a good man down. Und da ist was dran. Diese Top-Leute, wie Christan, Marcus Ehning, Scott Brash und Daniel Deusser kommen immer wieder zurück. Mal sind sie mit ihrer Performance unter den besten 5 oder zehn der FEI Weltrangliste, dann rutschen sie mal auf Rang 25 und kommen anschließend wieder stark zurück. Diese Wellenbewegung sieht man eigentlich bei allen Reitern. Scott Brash war ja beinahe weg von Fenster und rangierte im November 2024 auf Platz 61 der Weltrangliste, binnen eines Jahres ist er jetzt auf Platz zwei nach oben geschossen. 

Ein absolutes Ausnahme-Talent ist für mich auch der Belgier Gilles Thomas. Der kommt wie Phönix aus der Asche. Ich hoffe, dass er das auch so halten kann. Er hat aber ein unheimlich gutes Umfeld, dann ist er nervlich so gut ausgestattet, dass er nicht nervös wird. Egal, ob er im Sentower Park reitet oder bei Olympia in Paris, da siehst du keinen Unterschied. Dann stehen ihm auch noch viele außergewöhnliche Pferde wie ein Ermitage Kalone zur Verfügung. Zudem hat er keine Flausen im Kopf, die vielleicht andere 26-Jährige im Kopf haben, den siehst Du nie bechern an der Bar. Das finde ich klasse.

Du bist auch manchmal als „Aushilfs-Bundestrainer“ unterwegs….

APS: Ja, das erste Mal war im Februar 2025 in Abu Dhabi. Da waren die etwas in Not, Otto Becker konnte nicht. Weil ich eh mit Christian Ahlmann unterwegs war, der in Abu Dhabi startete, wurde ich gefragt, ob ich den Job als Equipe-Chef übernehmen kann. Das habe ich dann auch gerne gemacht. Das hat auch super geklappt und hat Spaß gemacht. Ich war dann auch noch mal Equipe-Chef im Mai in Peelbergen. 

Was fasziniert Dich heute nach wie vor an dem Springsport?

Die Entwicklung, wie leicht und wie einfach das alles gehen kann. Der Springsport ist keinen Tag langweilig, weil Du immer noch dazu lernen kannst. Weil ich so viel beobachte, würde ich mir heute einbilden, ich wäre der bessere Reiter als früher. Das reden sich aber viele ältere Reiter ein. 

Alois Pollmann Schweckhorst lacht: Es ist und bleibt das Privileg der Jugend zu sagen, ich will und ich kann. Aber durch die Erfahrung wäre ich sicher heute gelassener. Wenn du mal verlierst, ist es nicht das Ende der Welt. Ich wäre vielleicht auch fokussierter. 

Als ich in den achtziger Jahren geritten bin, hat man die Top-Reiter auch schon mal öfter abends in der Bar gesehen, auch länger. Das hat mir gut gefallen, da habe ich damals gedacht, so will ich auch leben. Heute, rückblickend, würde ich sagen, es wäre besser gewesen, ein wenig früher ins Bett zu gehen und das ein oder andere Glas weg zu lassen. 

Wie hat sich der Sport in den letzten Jahren verändert?

APS: In erster Linie ist die Professionalität noch größer geworden. Die Zeit, die man mit den Pferden verbringt, wird viel effektiver und konzentrierter genutzt. Franke Sloothaak hat mal zu mir gesagt, reite Dein Pferd so, als wenn Du zum ersten Mal drauf sitzt. Die Moral von der Geschichte war: Du kannst Dich nicht immer auf dein Pferd setzten und auf dem aufbauen, was du gestern geübt hast. Du musst Dich immer wieder neu einfühlen und aufbauen. Die klassische Reitweise ist ein wichtiger Leitfaden und es ist gut, dass wir sie haben. Eine super Grundlage. Aber natürlich ist jedes Pferd anders und man muss sich auf die unterschiedlichen Temperamente und Charaktere einstellen. Du musst mit jedem Pferd den eigenen Weg finden.

Wie kann man dafür sorgen, dass der Sport in der Gesellschaft wieder mehr Akzeptanz bekommt?

APS: Das ist eine schwierige Frage, und leichte Antworten gibt es nicht. Die Macht der Bilder wird von den immer selben Menschen genutzt und mit negativen Kommentaren verbunden. Du liest das und denkst und weißt, das ist doch gar nicht so, aber wenn Du versuchen würdest, das klar zu stellen mit einem Kommentar dazu, dann begibst Du dich in diesen Reißwolf und da kommst du gar nicht mehr raus. Auch bei der Blood-Rule ging es am Ende um eine Modifizierung. Keiner hat es jedoch richtig gelesen, was genau geändert werden soll, und so ist es total missverstanden worden. Keiner Reiter will ein blutendes Pferd reiten. Keiner möchte sich damit konfrontiert sehen, dass sein Pferd blutet, weil er seinen Sporen eingesetzt hat oder weil das Gebiss zu scharf war. Das will keiner. 

Müsste die FEI nicht darüber nachdenken, den Gebrauch gewisser Ausrüstungsgegenstände zu hinterfragen oder auch zu verbieten?

APS: Wenn wir z.B. den Schlaufzügel abschaffen, geben wir Land ab, was wir nie wieder zurückgewinnen. Den Schlaufzügel brauchen wir nicht abzuschaffen. Du musst die Reiter nur schulen, damit sie damit richtig umgehen können. Der Schlaufzügel ist ja nicht entstanden, weil jemand zu faul war. Für manche Pferde ist er auch eine Hilfe. Das Pferd kommt schneller in einen Rahmen hinein, wo es sich anlehnen kann. Das ist auch diese große Crux. Wir professionellen und erfahrenen Reiter, die wir ein Leben in diesem Sport verbracht haben, haben auch eine gewisse Deutungs-Hoheit. Das heißt nicht, dass wir immer alles richtig machen. Aber was Tierquälerei ist, was schädlich ist für das Pferd, was nicht akzeptabel ist, das muss aus unseren Reihen kommen. Und nicht von außen. Klar muss man Kritik von außen akzeptieren und sich auch damit auseinandersetzten. Aber mittlerweile scheint es ja so zu sein, dass die Kritik genauso viel wert ist wie die berechtigte Gegenargumentation. 

Haben dann die Kritiker, im Umkehrschluss, alle keine Ahnung? 

APS: Dass die Kritiker etwas in Frage stellen, ist ja völlig in Ordnung. Aber es wird ja jetzt schon wie ein Dogma von gewissen Leuten verbreitet, dass Sport treiben mit dem Pferd total daneben ist. Dass die Pferde gezwungen und gebrochen werden, damit sie gewinnen. Das ist so weit weg von der Realität wie von hier bis zum Neptun und wieder zurück. Das muss aus den Köpfen raus, denn das entspricht überhaupt nicht den Tatsachen. Und das siehst Du auch auf jedem großen Turnier. Auch bei einem Weltklasse-Reiter. Da ist die Harmonie im Parcours für einen Moment gestört und auf einmal kommst Du nicht mehr über das Hindernis. Das hat nichts mit Zwang zu tun. Das Pferd hat ja nicht verweigert, weil der Reiter es nicht genug gezwungen hat. Sondern es war vielleicht etwas abgelenkt und in dem Moment irritiert, das Vertrauen war einfach kurz weg. Da ist auch ein guter Reiter komplett machtlos, wenn das Pferd nicht will. Deshalb ist diese Bindung und das Vertrauen zwischen Reiter und Pferd auch so wichtig. Das Vertrauen muss man sich erarbeiten, das kostet Zeit, aber ohne geht es eben nicht. 

Ob die Pferde den Sport machen wollen oder nicht, das merkst du ja relativ früh. Das kannst Du auch schon so ein bisschen aus der Abstammung lesen, ob das Pferd viel oder wenig Herz hat. Ob es dem Sport gegenüber zu- oder abgeneigt ist. Wenn man merkt, ein Pferd möchte diesen Sport nicht machen, dann investiert man ja weder die Zeit noch das Geld in die Ausbildung zum Sportpferd. 

Ich vergleiche das gerne mit einem Leichtathleten, der einen Traum hat, der aufs Podium will, die Goldmedaille gewinnen möchte. Das brennt sich ein und danach strebst Du und deshalb gehst Du Deine Extra-Meile. Damit hat das Pferd natürlich überhaupt nichts zu tun. Das heißt, diese Vision haben die nicht. Wir müssen ihnen vermitteln, dass das, was sie machen, sie auch gerne tun, dass sie Spaß am Sport haben. Und wenn wir merken, die verlieren so ein wenig den Spaß – bevor die es merken – müssen wir schon die ersten Maßnahmen einleiten. Zum Beispiel wieder kleinere Prüfungen reiten, den Erwartungsdruck herausnehmen.

Welche Rolle spielen die Sozialen Medien?

APS: Das Problem ist folgendes, wir können noch so sehr die guten Seiten mit Beispielen füllen, es gibt aber zu allem ein Gegenbeispiel, was irgendwo im Netz kursiert. Da werden Dinge aus der Mottenkiste wieder herausgeholt, wie bei Martin Fuchs, nachdem er im letzten Jahr in Aachen gewonnen hatte. Was können wir dagegen machen? Ich glaube nichts. Wir können am Ende nur versuchen, Türen zu öffnen und zu sagen, kommt vorbei, seht euch alles an. 

Vielleicht kann man sich über eine andere Schiene wieder annähern….

Auch ein Hund muss, um gesellschaftsfähig zu sein, damit du mit ihm spazieren gehen kannst, irgendwo hingehen kannst, eine gewisse Art von Folgsamkeit beziehungsweise Gehorsam haben. Das Wort ist negativ besetzt, das ist aber totaler Quatsch. Der Hund muss gehorsam sein, damit wir mit ihm umgehen können. Wenn er nicht gehorsam ist, haut er vielleicht ab oder springt fremde Leute an. 

So ist es letztendlich mit dem Pferd auch. Wenn Du in der Ausbildung des Pferdes alles richtig machst, das Pferd sich nicht gezwungen fühlt, aber einen gewissen Rahmen hat, dann gibt es ihm auch Sicherheit. Und dann kann ein Pferd sein Talent entwickeln. Das ist die Schiene, wo sich vielleicht die beiden Lager treffen. 

Nicht in allen Ländern ist die Kritik so groß, in vielen Ländern ist der Sport sehr auf dem Vormarsch…

APS:  Ich glaube, das wird sich in Deutschland auch wieder beruhigen. Ich weiß nicht, wann und wie. Wir brauchen natürlich auch eine Lobby und auch Leute die nach vorne gehen und sagen, so sieht es aus, und dann mit positivem Beispiel voran gehen. 

Text und Interview: 

Corinna Philipps und Julie Suhr für spring-reiter.de