Wenn, wie seit 106 Jahren, rund um den Himmelfahrtstag das Deutsche Spring- und Dressurderby Zehntausende in den Derbypark in Hamburg-Klein Flottbek lockt, soll das Traditionsturnier in diesem Jahr noch eine zusätzliche Aufgabe erfüllen: Es soll als Stimmungs-Booster für die Olympia-Pläne der Stadt wirken. Denn zwei Wochen später, am 31. Mai, stimmen die Hamburger in einem Referendum darüber ab, ob sich Hamburg für die Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 offiziell als deutscher Standort bewerben soll, nachdem der erste Olympia-Anlauf vor zehn Jahren an der Ablehnung der Hamburger Bevölkerung gescheitert war.
Für alles, was die Stadt jeztz plant, soll Paris das große Vorbild sein. Hamburgs zuständiger Staatsrat Christoph Hollstein will die Derby-Stimmung nutzen, “wir wollen positiv motivieren, zum Referendum zu gehen. Das ist Wahlkampf und mit Selbstzufriedenheit oder der Einstellung, das klappt sowieso nicht, schaffen wir das nicht. Wir werden alle präsent sein beim Derby, denn Emotion ist wichtig, um die Menschen positiv zu beeinflussen.” Wenn es klappt, sollen im Derby-Park Hamburgs olympische Reitprüfungen über die Bühne gehen.
Gemeinsam mit Turnierchef Matthias Alexander Rath, Derby-Legende Achaz von Buchwaldt, Deutschlands Nachwuchs-Springhoffnung Hannes Ahlmann, Dressurreiterin Dorothee Schneider und Matthias Rensch von Sponsor Melitta blickte er an diesem Dienstag Richtung 13. Mai, wenn in diesem Jahr um 8 Uhr zum ersten Mal das Derby-Starsignal ertönt für das CSI4* um den Preis der Eurokai.
Statt Frank Rothenberger wird sich mit Olaf Petersen ein neuer Parcourschef um die Gestaltung der Spring-Kurse kümmern. Das heißt, am Sonntag, bei der Derby-Prüfung, wird er wenig Phantasie einsetzen müssen. Denn der Weg über die 17 Hindernisse auf 1.230 Metern ist seit den Tagen Eduard F. Pulvermanns seit mehr als 100 Jahren immer der gleiche.
Hannes Ahlmann erinnert sich noch, wie er 2023 zum ersten Mal hier einritt, nachdem er als Kind schon auf dem Hosenboden den Großen Wall runtergerutscht war. “Ich bin mit Coquetto (v. Cornet Obolensky) zum ersten Mal durch den Eingang auf den großen Rasenplatz geritten, zwischen den Irischen Wällen durch. Da ist mir schon das Herz ein bisschen in die Hose gerutscht.” Er wird in diesem Jahr mit seinen Pferden Tokyo (v. Toulon) und Madness (v. Kannan) dabei sein, wenn auch nicht am Sonntagmittag. Denn sein potentielles Derby-Pferd Cayadino (v. Cayado) wurde nach Saudi Arabien verkauft.
Wie man erkennt, wie es in den Turnier- Tagen bei ihm so läuft? “Läuft der erste Tag gut, muss dieselbe Krawatte das ganze Turnier über halten. Läuft es nicht so gut, wird die Krawatte jedes Mal gewechselt”, grinst der sechsmalige Nachwuchs-EM-Teilnehmer. “Je dreckiger die Krawatte am Sonntag, umso besser war mein Turnier.” Das größte Ziel wäre natürlich: möglichst weit vorne stehen in der Platzierung des Longines Großen Preis von Hamburg.
Reitmeister Achaz von Buchwaldt, der zweimal das Hamburger Derby gewann, wird wieder, wie in jedem Jahr den Derby.Parcours am Sonntag mit abgehen, obwohl er ihn doch längst auswendig kann. Aber sein Schüler Simon Heineke wird dabei sein auf Cordillo (v. Corrrido) der unter dem Sattel von Nisse Lüneburg 2019 schon einmal das Derby gewann. “Cordillo ist jetzt 18 Jahre, aber im Derby-Parcours ist es wichtig, dass die Pferde Erfahrung haben”, erklärt Achaz von Buchwaldt. “Der Parcours ist dopplet so lang wie sonst. Überhaupt sieht man doch gerade eine ganze Reihe von 18- bis 20-jährigen Pferden erfolgreich auf den 5* Sterne Prüfungen. Das zeigt doch auch, wie gut sie beghandelt werden.”
Das Gesamt-Preisgeld wird, wie Matthias Alexander Rath erzählt, in diesem Jahr genauso hoch wie das aufgestockte des vergangenen Jahres sein: 1,3 Millionen Euro locken, “alle Sponsoren sind an Bord geblieben”. Und unverändert groß ist auch die Nachfrage nach Karten, für Samstag und Sonntag wird es schon schwer, noch an Karten zu kommen. Wer nicht dabei sein kann: Der NDR will mit mehr Sendezeit jeden Tag bis Samstag berichten, am Sonntag überträgt das ZDF das Derby.
Für manche Top-Reiter ist das Turnier in Hamburg in diesem Jahr auch aus einem weiteren Grund wichtig: Sie können sich und ihre Pferde auf dem großen Rasenplatz optimal für die Weltmeisterschaft in Aachen vorbereiten, wo es dann wieder auf einen großen Rasenplatz geht.
