Schon aus der Ferne ist der riesige Bronze-Schimmelhengst zu sehen, der weiß über das flache Land leuchtet, auch wenn der Himmel über ihm grau ist. Capitol I, der Holsteiner Stempelhengst, der nie selbst auf Turnieren gestartet ist, aber der jahrelang das WBFSH-Ranking der weltbesten Vererber anführte und dessen Nachkommen Olympische Spiele dominierten und mehr als fünf Millionen Euro Gewinnsumme ersprangen.
Wer sich auf die Suche nach einer der Wiegen der weltberühmten Holsteiner Springpferde-Zucht macht, wird hier, im Geburtsstall von Capitol I, auf einem fast 500 Jahre altes Hof, umgeben von 60 Hektar fruchtbarem Marschland, willkommen geheißen. 1.625 Einwohner zählt das Dorf Kollmar zwischen Glückstadt und Elmshorn und der Berühmteste von ihnen ist Harm Thormählen.
In einem Giebel des Haupthauses aus rotem Backstein prangen in Weiß die Worte: „NA DEM SWEDISCHEN KRiGE. DEN VOL GOT VORTRUT DEN HEFT VOL GEBUWET.ANNO 1647“ Und darunter geht es sozusagen umgehend in die Herzkammer, in den Abfohl-Stall, wo uns Harm Thormählen gleich das erste Prinzip seiner Zucht erklärt: Schon am ersten Tag nach der Geburt werden hier die Fohlen zum ersten Mal über den harten Pflasterboden geführt: “Harter Boden ist wichtig für die Huf- und Sehnengesundheit.”
Nicht nur das knisternde Kaminfeuer im Wohnzimmer, wo wie in allen Räumen und Fluren des Hauses unzählige Bilder an den Wänden von der Pferde-Erfolgsgeschichte seiner Bewohner erzählen, strahlt Wärme aus. In diesen Tagen erscheint ein Buch über sein Lebenswerk mit dem Titel „Harm Thormählen – Ein Leben für die Springpferdezucht“. Die Autorin Adriana van Tilburg erzählt darin mit vielen historischen Fotografien von dem Leben der Züchter-Legende (Asmussen Verlag, € 35,–).
Voller Gottvertrauen, wie wir über dem Eingang gelesen haben, wurde bei der Familie Thormählen ein Jahr vor Ende des Dreißigjährigen Krieges der Grundstein für eine Pferdezucht gelegt mit Erfolgen, die die Welt eroberten.
Aber bringt es immer noch Spaß, Pferde zu züchten?
“Die Kosten sind immens höher geworden”
Harm Thormählen, inzwischen 80 Jahre alt, ist da ganz deutlich: „Es ist schon problematisch, weil die Kosten immens höher geworden sind und die Kunden immer spezieller. Eine Kleinigkeit beim TÜV oder beim Röntgen – die Kunden sind so sensibel. In unserem Bereich ist es ein ganz schweres Geschäft geworden. Nur im oberen Bereich, da ist gut und hat eine Zukunft. Die Pferde werden immer teurer.“
Also das Familienpferd, das man früher auch hier züchtete und verkaufte, gibt es kaum noch?
Harm Thormählen: „Das ist kaum noch zu machen, so für 10.000 Euro. Das muss ja schon gut geritten sein. Da hat man schon 10.000 bis 20.000 investiert. Deshalb hören auch immer mehr Züchter auf. In den fünfziger und sechziger Jahren waren die Iren die Besten. Dann haben sie ihre besten Stuten verkauft, und dann waren sie hintendran. Inzwischen haben sie es begriffen und lassen auch außerhalb Irlands decken, während sie früher mit ihren Stuten nicht außerhalb Irlands decken durften. Und so kommen sie jetzt wieder richtig nach oben.“
Die durchgezüchteten Stutenstämme, sie sind in Holstein und auch bei der Familie Thormählen das Tafelsilber. Hier in Kollmar sind es drei Stutenstämme, die gehegt und gepflegt werden und für den Erfolg stehen: die Holsteiner Leistungsstämme 104 a, 173 und 3615. Ihnen entsprangen Capitol I und das beste Pferd der Spring-WM 2002 in Jerez/ESP, Fein Cera, die in Öl gemalt am Kopfende der Reithalle prangt. „Der ältesten privaten Reithalle in Schleswig-Holstein – Baujahr 1964″, wie der Hausherr anmerkt.
Er weiß nicht, wie viele Pferde bei ihm das Licht der Welt erblickten, seit er 1973 von Vater Rheder den Hof übernahm. Aber „so alle zwei, drei Jahre“ war es ein Fohlen, das dann später im Millionen-Bereich ankam. „Die sind vor dem Verkauf schon Turniere gegangen auf 2*-3* Niveau im Richtung 5*. Die guten Kunden, die sie gekauft haben, haben dann an ihnen auch noch Millionen verdient. Das ist dann schon immer auch die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Aber deshalb verkaufen wir auch keine Fohlen, denn unsere Kosten rundherum sind hoch. Bevor ich den Hof 2022 an meinen Neffen Philipp Baumgart und Familie übergab, hatte ich Fix-Kosten von eineinhalb Tausend Euro pro Tag.“
Ganz genau hat er das mal in jungen Jahren errechnet, bevor er den Hof übernahm. Er machte damals zusammen mit dem späteren Erdbeerkönig und Gastgeber des wunderschönen CSI4* Turniers in Hohen Wieschendorf, Enno Glantz, eine Landwirtschaftslehre. Für seine Meisterprüfung legte er eine Vollkostenrechnung vor für die Kosten eines Fohlens. „Meine Berechnung belief sich auf 10.000 DM für ein Fohlen. Da war dann nur die Frage, ob ich damit durch die Prüfung falle oder ob die Prüfer begeistert sind Ich habe die Note 1 bekommen.“
Damit die talentiertesten Nachwuchspferde optimal gefördert werden, gibt er sie Profis in den Beritt. „Gerade gestern haben wir wieder einen Deal festgemacht mit Peder Fredricson.“
Come On war das Herzenspferd
Früher, im Alter von 18 bis 48 Jahren, war er selbst erfolgreich als Reiter in der schweren Klasse unterwegs. Sein „Herzenspferd“, da strahlen die Augen noch immer, „das war Come On. Den habe ich nicht selbst gezüchtet, sondern gekauft. Ich hatte vorher beim Holsteiner Verband Kritik geübt, weil wir dort die Pferde nur im Schritt und Trab auf der Straße führten und dann für die Körung in Neumünster sortierten. Ich habe gesagt, das ist doch das Hinterletzte. Unsere wichtigste Gangart bei den Springpferden – und wir haben nun mal 80 Prozent Springpferde in Holstein – ist doch die Galoppade. Wir müssen die im Galopp sehen. Am nächsten Tag haben sie gesagt, wir wollen die Pferde auch im Galopp sehen. Und da habe ich gesehen, wie Come On galoppierte. Anschließend bin ich zu seinem Züchter und habe ihm gesagt: Der ist zu dick, zu groß, der kommt nicht mit. Aber ich kauf ihn Dir trotzdem ab. Die Antwort war: Nee, der kommt mit zur Körung.“
Aber der Kenner aus Kollmar behielt Recht, Come On wurde nicht gekört. Später kam es allerdings doch noch zu einem Deal und der Hengst wechselte auf den Hof Thormählen. “Come On ist immer gegangen, auch mit einem Amateur, hat später mit Prinzessin Haya die Olympia-Qualifikation geschafft. Solche Pferde kosten natürlich richtig Geld. Aber wenn man so einen hat und das Reitgefühl… als hätte er keine Knochen, das war alles wie Gummi. So ein Feingefühl.“
So einen wie Come On hätte er auch heute gerne noch in seinem Stall. Aber dann steht er auf, geht zur Anrichte und holt ein kleines Foto in Silberrahmen: „Immer, wenn ich schlechte Laune habe, dann hole ich mir ein kleines Gläschen Wein und gucke mir dieses Foto an. Das sind zwei Pferde, das ist 60 Jahre her, das sind Ringo und Gera. Mein Rücken war kaputt vom Schiet-Treckerfahren. Da sehe ich den Ringo auf einem kleinen Turnier in Brokdorf. Ich hatte gerade in der kleinen 20 x 20m Halle ein Sb gewonnen. Aus jeder Lage sprang der Ringo 20 bis 30 Zentimeter höher, weil der so viel Gummi hatte. Der ist dann zu Winkler gekommen und der sagte, der hat kein Vermögen. Ich habe sofort zu meinem Vater gesagt, den holen wir zurück. Was wir nicht wussten, dass Winkler auch kein Pferdemann war. Der hatte seit seinem Leistenbruch, mit dem er auf Halla in Stockholm Gold gewann, seinen Status. Und dann bin ich mit Ringo zwei Große Preise geritten. Auf dem Dobrock sind wir im Großen Preis Zweite geworden hinter Hermann Schridde, der gerade Europameister geworden war und zwei Sekunden schneller war nach Stechen im 1,70 Parcours. Und dann hat ihn das japanische Olympia-Komitee gleich gekauft. Er ging dann bei Olympia in Mexiko. Die deutsche Mannschaft holte dort mit 30 Fehlern Bronze. So brutal schwer war das, das geht heute auch nicht mehr.“
Schlaue Pferde sind auch immer nicht ganz einfach
Für Harm Thormählen sind unverändert das A und O bei der Zucht „die Psyche der Pferde”. Rund 20 bis 30 Fohlen erblicken auf dem Hof Thormählen jedes Jahr das Licht der Welt und werden hier auch schonend binnen sechs Wochen angeritten. “Ob sie sensibel und schlau sind, merkt man schon bei den Fohlen. Sensible, schlaue Pferde sind auch immer nicht ganz einfach. Unsere Fohlen werden daher schon gleich am ersten Tag angefasst. Wir lassen uns die Hufe geben und führen sie am Halfter, in diesem Alter ist es noch ungefährlich und dann kennen sie das schon alles.”
Um Herauszufinden, wie clever seine Nachwuchs-Pferde sind, arbeitet Harm Thormählen mit einem Trick:
“Bei der Grundausbildung der jungen Pferde, wird ja in der Regel immer linksherum das Freispringen gemacht. Aber ich lass sie schon ganz früh auch Kehrtwendung rechts herum machen, dann ohne Einsprung. Und dann sieht man schon, wer ist schlau und wer nicht. Die Schlauen machen vielleicht beim ersten Mal dann einen Fehler, aber die machen den Fehler nicht zum zweiten Mal. Die Mutigen springen dann schon mal groß ab – und die Feiglinge bleiben hinten in der Ecke stehen. Die haben dann meistens keine Chance. Wir machen uns immer Notizen, und die bekommen dann schon ein Fragezeichen. Die müssen wir dann weiter beobachten.
Aber man kann sich ja auch mal irren?
„Ja, man kann sich auch mal irren. Was ich auch schon hatte. Wenn die dann hoch rittig sind und Vertrauen zum Reiter haben, dann gewinnen sie auch schnell Vertrauen. Ich hatte mal einen, das ist schon 30 Jahre her, der hatte in der Ecke gestanden und gezittert. Ein Wallach, der hatte Angst gehabt. Aber er war hoch rittig und hat dann übers Reiten das Vertrauen bekommen, ging fünfjährig schon S, ein paar Mal auch international.“
Besser ist es, wenn Reiter früh lernen, sich auf die Psyche ihrer Pferde einzustellen
Es ist diese Erfahrung als Züchter und Reiter, aus der Harm Thormählen schöpfen und die er als Rat weitergeben kann: “Wer als Reiter erfolgreich sein will, sollte früh lernen, sich auf die Psyche seiner Pferde einzustellen. Mein Vater war, was ich damals gar nicht wusste, einer der größten Pferdehändler in Europa. Das hat mir irgendwann ganz nebenbei Alwin Schockemöhle mal gesagt. Alle zwei Wochen ging hier ein Eisenbahnwaggon mit sechs Pferden nach Bayern, Schweiz, Norditalien. Dann nahm mein Vater auch mal ein Pferd in Zahlung. Als ich 18 Jahre alt war, war darunter ein großer schwarzer Trakehner und der wollte gar nichts. Der war gesund, war schon achtjährig, lief frei, aber beim Reiten wollte er nicht traben, nicht galoppieren. Da habe ich ihn angehalten, ihn gestreichelt, liebevoll mit ihm gesprochen. Ich habe ihm gesagt: Du hast doch offenbar ein Scheißleben gehabt. Erzähl mal von Deinem schlechten Leben, dann helfe ich Dir und dann machen wir gemeinsam was.
Dann bin ich weg mit ihm von unserem Sandplatz und ins Gelände gegangen. Ich habe ihm von unseren Kälbern Futter gegeben, Milchpulver, und dann hat er Spaß gehabt und ich ihn zum Galoppieren bekommen. Vier Wochen später habe ich mit ihm schon einen kleinen L/M-Parcours gewonnen. Im Herbst folgten die ersten S-Springen. Ich war da ein bisschen nervös, mein Bruder hat mir vorher noch einen Schnaps gegeben.“
Ganz anders war das bei Fein Cera. „Fein Cera war beim Freispringen immer das beste Pferd. Immer locker. Sie war hochrossig, sollte am nächsten Tag gedeckt werden. Da habe ich sie noch mal ein bisschen höher springen lassen, 1,75m einen Karre-Oxer. Und was machte sie: Sie sprang den 1,75m Oxer einen halben Meter höher und landete wie eine Feder. Da habe ich mit meiner Frau Ingela ein Glas Champagner getrunken und gesagt: Die wird versteckt. Die wird weiter gut gearbeitet, aber die kriegt keiner zu sehen. Die wird nicht verkauft.“
Eine besondere Beziehung entwickelte sich: Harm Thormählen hatte einen Bereiter aus Ungarn. „Der ist auch Europameisterschaft geritten, aber einfach nicht fein genug. Dem habe ich dann Fein Cera in einer Woche weggenommen und bin sie selbst geritten. Eines Tages war sie richtig fest, gar nicht locker, und ich wusste nicht warum. Sie war ja gesund. Und dann fiel mir ein, dass ich ein Scheißtelefonat vorher hatte: Ein anderes Pferd war nicht durch den TÜV gekommen. Also ich hatte ein Malheur – und das hat sich beim Fertigmachen, beim Satteln auf das Pferd übertragen.“
Verkauft wurde Fein Cera erst später, als der Preis stimmte, erst an die Springreiterin Alison Firestone und danach an den US-Amerikaner Peter Wylde und war das beste Pferd im Finale der Weltreiterspiele in Jerez de la Frontera. Für das Paar gab es Einzelbronze. 2004 gewannen die Beiden Teamgold bei den Olympischen Spielen in Athen. Fein Cera war nicht nur selbst erfolgreich, sondern gab ihr Potenzial auch weiter. Ihre Enkeltochter Zera gewann 2017 unter Pato Muente das Hamburger Springderby – es war der erste S-Sieg der Stute.
Ein eigener Derbywall als Spielplatz für die Fohlen
Apropos Derby: Vor dem Haus hat Harm Thormählen seinen eigenen Derbywall, auf dem die Fohlen toben und so später nie Probleme in Hamburg hatten, wenn es dort hinauf- und hinunterging. „Der entstand eher zufällig. Immer wenn wir einen neuen Hallenboden bekamen, dann wollte ich nicht so weit fahren mit dem alten Sand. Dann habe ich den da abgekippt und ein bisschen Erde obendrauf, damit das Gras auch wächst. Dadurch haben wir jetzt hinten zwei kleinere und vorne einen größeren Wall. Da spielen die Fohlen gerne drauf. Da können sie weit gucken, der ist drei Meter hoch. Die Fohlen lernen so.“
Eine, die über Jahrzehnte so wichtig und unverzichtbar für den Erfolg war, konnte aus Krankheitsgründen leider nicht an unserem Gespräch mit Harm Thormählen teilnehmen: Seine Frau Ingela. Aber sie ist in allen Erzählungen präsent, denn „sie hat so viel geholfen, sie hat dem Hof Glanz gegeben“.
Interview und Text: spring-reiter.de Die Vervielfältigung unserer Artikel ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung nicht gestattet. Alle Rechte sind www.spring-reiter.de vorbehalten. Bei Urheberrechtsverletzungen behalten wir uns rechtliche Schritte vor.
Das Buch: Harm Thormählen – Ein Leben für die Springpferdezucht von Adriana van Tilburg, mit einem Vorwort von Dr. Thomas Nissen und einem Nachwort von Stefan Aust ist im Asmussen Verlag erschienen und kostet 35 Euro.











