“Ich möchte, dass die Wertschätzung für die Nationenpreise zurückkommt, die Reiter sich freuen, wenn der Anruf zur Nominierung kommt.” Interview mit Co-Bundestrainer Ralf Runge

Er spricht so schnell, wie Richard Vogel reitet: Ralf Runge ist worttechnisch immer im Stechen. Der 63-Jährige sprudelt wie ein Wasserfall. Der Rheinland-Pfälzer mit Wohnort in Montabaur hat viel zu erzählen. Seit März 2025 ist er Co-Bundestrainer der deutschen Springreiter und unterstützt Bundestrainer Otto Becker, indem er sich u.a. um die EEF Nationenpreis-Serie und um Kaderanwärter kümmert.

Mit großer Begeisterung und ganz viel Leidenschaft für den Springsport steht Ralf Runge jungen Nachwuchshoffnungen aber auch erfahrenen Reitern und Reiterinnen auf den Turnieren unermüdlich mit Rat und Tat zur Seite. spring-reiter.de hat mit dem Co-Bundestrainer, der bereits mit 18 Jahren sein Goldene Reitabzeichen erhielt, zahlreiche Erfolge bei Deutschen und Europäischen Meisterschaften der Junioren und Jungen Reiter vorweisen kann und nach seiner Bundeswehrzeit an der Sportschule in Warendorf und einem betriebswirtschaftlichen Studium die Geschäftsführung eines Handels-, Turnier- und Ausbildungsstalls in Montabaur übernahm, über seine Rolle als Ratgeber und Motivator sowie über die Wertschätzung von Nationenpreisen gesprochen und er hat verraten, warum er für mehr Erklärungen im Reitsport plädiert.

Wie sieht Deine Bilanz nach über einem Jahr als Co-Bundestrainer aus und was genau sind Deine Aufgaben?

Ralf Runge: Ich kannte das ja, ich bin 2021 schon mal kurzfristig eingesprungen. Damals haben wir beim EEF das Halbfinale in Budapest gewonnen. Also wusste ich ungefähr, was auf mich zukommt. Jetzt bin ich natürlich ein wenig tiefer in die Materie eingestiegen und ich bin das Verbindungsglied zu Peter Teeuwen, der die U25-Reiter betreut, und Otto Becker.

Ich kümmere mich zwar hauptsächlich um die EEF Serie, bin aber in Absprache mit dem Otto auch auf ausgesuchten nationalen und internationalen Turnieren unterwegs. Dort, wo es einfach auch wichtig ist, dass man Präsenz zeigt, auch als Wertschätzung dem Veranstalter gegenüber, und wo man mit den Reitern mal in Ruhe sprechen kann. Das geht auf einem Turnier am besten, da sieht man die Pferde live und kann auch besser kommunizieren oder mal hilfreich sein, wenn es ein Problem gibt.

Das ist die Aufgabenstellung. Ich versuche, Otto zuzuarbeiten und zu unterstützten, dass sich Reiter und Pferde so entwickeln, dass sie sich auf ein höheres Niveau entwickeln können, später im besten Fall zum Bundestrainer in den Kader kommen und erfolgreich Nationenpreise bestreiten können.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Bundestrainer Otto Becker?

Ralf Runge lacht: Ich finde, sehr gut. Wir kennen uns ja schon lange, und jeder kennt die Eigenarten des Anderen und wir tauschen uns gut aus. Aber ich sehe mich auch nicht vorne in der ersten Reihe. Ich besitze nicht die Managerqualitäten und bin auch nicht so diplomatisch. (lacht)

So, wie es jetzt ist, ist es genau richtig.

Und dann entwickelst Du gemeinsam mit den Reitern einen Turnierplan?

Ralf Runge: Das ist ein Teil meiner Aufgabe, natürlich abhängig von den Startmöglichkeiten. Gerade, wenn sie unerfahren sind, ist es wichtig, die Reiter ein bisschen an die Hand zu nehmen: Welchen Plan machen wir, welche Turniere könnten passen. Was ist das für ein Platz, Rasen oder Sand, springt das Pferd gut Wasser oder springt es auf Sand besser als auf Rasen. Wie sind die Bedingungen, welcher Parcourschef ist da. Baut er eher leichtes Material oder baut er eher etwas wuchtiger. Das sind alles solche Faktoren, die ich in Absprache mit den Reitern berücksichtigen muss.

Du bist selber auf den Turnieren immer sehr dicht bei den Reitern, gehst mit Parcours ab, stehst mit Rat und Tat zur Seite und hilfst beim Abspringen auf dem Abreiteplatz…

Ralf Runge: Ja, genau, daran habe ich am meisten Spaß. Ich bin am liebsten am Boden auf dem Abreiteplatz und damit auch mit den Reitern. Ich bin gerne der, der im Matsch wühlt. Ich bin gerne mittendrin dabei – bei den Pferden, bei den Reitern, das mag ich.

Wie wichtig ist die Eigeninitiative der Reiter, sich für bestimmte Turniere ins Gespräch zu bringen?

Ralf Runge: Sehr wichtig. Die Reiter verlassen sich heute ab und an zu sehr, das war früher anders. Sie müssen Ausschreibungen auch von Turnieren im Ausland lesen, sie müssen sich auch selber informieren, selber aktiv werden, sich alternative Startmöglichkeiten suchen. Wir haben mittlerweile ganzjährig die Touren in Arezzo, Oliva, in Bedizzole, Gorla Minore und so weiter. Das ist der Saisoneinstieg, dort kann man die Pferde aufbauen und auch Weltranglistenpunkte erzielen. Ich sage allen immer: Geht los, ihr könnt nicht nur hier in der Heimat reiten, werdet aktiv.

Wie schwierig ist am Ende die Verteilung der Startplätze?

Ralf Runge: In Deutschland haben wir leider immer weniger CSI. Dann kommt es schon mal vor, dass wir gerade bei den beliebten Turnieren viel mehr Anfragen haben als verfügbare Startplätze. Da gestaltet es sich schwierig, wirklich jedem Reiter gerecht werden zu können, und ich verstehe den Unmut, wenn mal einer nicht sofort reinkommt, aber meistens fügt sich das, und viel regelt der Sport von selbst. Auf Internationalen Turnieren gab es früher mal zwei oder drei Plätze für Deutschland, die konnten wir dann bestimmen, wir haben Einladungen bekommen. Jetzt geht es nur noch über die Weltrangliste. Wenn z.B in Frankreich ein Turnier ist, interessiert es nicht, ob ein Deutscher da ist oder nicht. Wenn es ein 4-Sterne-Turnier ist, dann geht es bis ca Nummer 200 auf der Weltrangliste. Man trägt sich in der App selber ein oder macht eine Anfrage in Warendorf, man wird vielleicht akzeptiert, und wenn nicht, dann geht es, wie überall, nur noch über den Veranstalter oder Beziehungen. Und national ist es so, da kommt vier Wochen vorher die Liste raus, wer kommt über die Weltrangliste rein, und dann haben wir zehn oder zwölf Plätze, genau wie der Veranstalter. Am Ende müssen die Reiter schon versuchen, möglichst weit vorne in die Weltrangliste zu kommen.

Wie siehst Du Deine Rolle bei den Nationenpreisen, bist Du Trainer, Motivator, Psychologe und Informant zugleich?

Ralf Runge: Beim ersten Nationenpreis ist es so, dass ich gerne den Heim-Trainer als Ansprechpartner dabeihabe. Dann halte ich mich erst einmal zurück und es ist ein reiner Informationsaustausch. Die Reiter sind auch froh, wenn Ihre Bezugsperson dabei ist, und ich bin keiner, der sich aufdrängt. Irgendwann kommen sie dann auch meistens und fragen: Kannst Du mal gucken, was meinst Du? Sobald die rote Jacke anzogen ist, verändern sich viele und es wird interessant. Einige wachsen da schneller rein als andere.Natürlich gehören bei den Nationenpreisen sehr viele Informationen dazu. Die meisten können es ja vorher gar nicht einschätzen. Dann reiten sie national 3-Sterne über 1,50m, aber das hat nichts zu tun mit diesen sehr anspruchsvollen EEF-3-Sterne-Nationenpreisen über 1,50m gegen andere Top Teams auch aus vermeintlich schwächeren Ländern. Das ist etwas ganz anderes, auch weil sie plötzlich für ein Team reiten, Verantwortung gegenüber Ihren Teampartnern haben. Da hängt ja eine Menge dran und das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen.

Hat eine Nationenpreis-Nominierung bei den Reitern heute noch den gleichen Stellenwert wie vor einigen Jahren?

Ralf Runge: Das ist sehr unterschiedlich. Ich möchte, dass die Wertschätzung für die Nationenpreise zurückkommt, die Reiter sich freuen, wenn der Anruf zur Nominierung kommt, sie sagen, ich brenne, ich darf reiten und ich bringe mich ein, liefere meine beste Leistung ab. Das ist natürlich auch meistens der Fall, aber viel zu oft höre ich auch: An dem Wochenende ist ein CSI, da fahre ich lieber hin. 

Ich nenne da die Iren als Beispiel. Wenn die einen Anruf kriegen, du reitest Nationenpreis, dann fahren die einfach los und wenn sie merken, sie fahren drei Tage länger, dann fahren sie halt drei Tage länger. Die fahren aber los. Das möchte ich eigentlich wieder hinkriegen, dass diese Einstellung zurückkommt.

Dazu gehört natürlich auch, dass ich die Hintergründe der Reiter kenne. Wie sind sie finanziell aufgestellt, haben sie einen Betrieb zuhause, können sie sich die weiten Reisen leisten, haben sie einen Sponsor oder müssen sie die anfallenden Kosten alleine stemmen. Da müssen wir schon offen besprechen. Ich sehe mich schon sehr stark auf der Reiterseite und versuche daher die Interessen der Reiter, der Pferde und das Management so gut wie möglich zusammen zu bringen.

Die Challenge dabei ist, ein Team zusammen zu stellen, in dem Du einerseits jemandem eine Chance gibst und wo auch mal etwas passieren kann, welches aber trotzdem competitive ist und eine Podiumschance hat. Andererseits lastet dann die Verantwortung auf den erfahreneren Reitern, die unerfahrenen Reiter auch mal aufzufangen. Und die Wertschätzung für die Nationenpreise sollte natürlich nicht nur von den Reitern, sondern auch vom Verband kommen, wenn es zum Beispiel um Unterstützung bei den Turnier-Kosten geht. Immerhin sind die Nationenpreise auch Aushängeschilder für unseren Pferdesport in Deutschland.

Wie baust Du Deine Reiter nach Niederlagen wieder auf?

Ralf Runge: Ich erwarte natürlich Leistung, aber auch wenn es mal schief geht, versuche ich, da zu sein für die Reiter. Insbesondere bei den jüngeren Reitern. Da telefoniere ich auch viel, weil ich es noch von mir selber kenne. Diese Heimfahrten über Nacht, zig Stunden im LKW, wenn du da runtergeflogen bist oder irgendetwas ging schief. Dann zweifelst du plötzlich an deinem Talent, deiner Reiterei, deinem ganzen Leben. Ich kenne das ganz genau und verstehe die Sorgen. Da bringt es nichts, draufzuhauen, nach dem Motto: Du hast nicht abgeliefert. Im Gegenteil: Du musst den Betroffenen dann am besten auch direkt wieder Perspektiven bieten, dranbleiben, abends mal eine aufmunternde WhatsApp schreiben. Das ist meine Aufgabe, als Kommunikator zwischen den Welten dabei sein, und manchmal gelingt es mir.

Machst Du Dir Sorgen um den Nachwuchs?

Ralf Runge: Nein. Das Problem sind die Pferde, die, sobald sie sich international gut zeigen, verkauft werden. Wir haben zu wenige Top Pferde, aber ich kann auch von niemandem verlangen, dass er sein Pferd behält, wenn hohe Gebote kommen. Es geht in der heutigen Zeit um so viel Geld, die Kosten sind immens hoch und die meisten Reiter leben schließlich vom Handel.

Du musst am Ende eine gute Menschenkenntnis haben und auch die Pferde mit ihren Stärken und Schwächen sehr gut beurteilen können?

Ralf Runge: Das ist eine Mischung aus beidem, die Pferd-Reiter-Kombination ist immer das Allerwichtigste. Passt das? Finden wir den Schlüssel? Die, die Nationenpreise reiten, sind ja da, WEIL sie gut sind. Aber diese Feinheiten auszuarbeiten, daran habe ich Spaß. Ich liebe diese Feinabstimmung, das Beobachten und den Informationsaustausch mit dem Reiter und dem Trainer: Was meinst du, sollen wir da doch lieber einen Galopp-Sprung mehr machen oder nicht, braucht es mehr Länge im Galopp… Diese Feinheiten anzugehen und die Abstimmung zu verbessern sind meine Motivation.

Was muss ein Pferd haben, damit es Dich richtig begeistert?

Ralf Runge: Für mich müssen sie so ein bisschen speziell sein. Ich habe meistens die komplizierten Pferde am liebsten gehabt und dann versucht, den Schlüssel zu finden. Und wenn sie dann mitmachen und Du hast sie auf deiner Seite, dann ziehen die auch durch und wollen diesen Sport. Das ist am Ende eine Einstellungssache.

Welches Pferd begeistert Dich ganz aktuell?

Ralf Runge: Im Moment ist das sicher DSP Chakaria. Wie sie nach ihrer Verletzung jetzt wieder zurückgekommen ist. Wenn man sie beobachtet, wie sie abdrückt, wie frisch sie ist, das ist schon beeindruckend.

Du bist selber sehr erfolgreich geritten, u.a. beim Hamburger Derby…

Ralf Runge: Ja, ich hatte einige schöne Erfolge, habe mal Wiesbaden gewonnen, das Championat in Mannheim und in der Jugendzeit mal einen Nationenpreis. Ich war aber immer ein Reiter der 2. Reihe. Meine Top-Pferde waren Fair Lady in jungen Jahren und meine Lieblingsstute Baker Street. Ich habe auch dreimal Derby geritten mit jeweils einem Abwurf und ich war einmal Dritter. Damals gewann Carsten-Otto Nagel. Da war eine wahnsinnige Stimmung, das weiß ich noch genau.

Wie sollten wir den Kritikern des Reitsports begegnen?

Ralf Runge: Wir müssen uns einfach erklären können. Erklären können, warum mache ich dies oder das. Warum wende ich diese Methode an. Da ist natürlich Ausbildung ganz wichtig. Selber einfach wissen, warum man auf eine bestimmte Weise reitet. Nicht nur, dass einem der Reitlehrer oder Trainer das sagt, sondern dass man es auch selber vertreten und verstehen kann. Dieser Sportpartner Pferd – das muss von uns viel mehr nach außen getragen werden – das ist ein Athlet. Den Sportpferden ging es noch nie so gut wie jetzt, weil sie einfach sehr umsorgt werden, die Haltung sich in den letzten Jahren positiv und pferdegerecht verändert hat. Natürlich muss man auch klarstellen, dass das Sportpferd ein Athlet ist. Es braucht das Wettkampf-Training, einen abwechslungsreichen Trainingsplan und natürlich angemessene Regenerationspausen.

Haben wir im Hinblick auf die WM ein Luxusproblem mit derzeit so vielen guten Paaren?

Ralf Runge: Wir haben schon so sieben Paare, die in Frage kommen. Aber oft gibt es ja dann doch noch verletzungsbedingt Ausfälle und man ist am Ende froh, wenn noch fünf übrig sind.

Das Interview führten Corinna Philipps & Julie Suhr für spring-reiter.de