Pole Position: Team Deutschland bei Spring-WM auf Rang eins nach drei schnellen fehlerfreien Runden, Sophie Hinners und Daniel Deusser auf Vier und Fünf beste Deutsche

War es das gute Omen, das Bundestrainer Otto Becker beschworen hatte, weil die Springreiter in denselben Boxen eingezogen waren, die vorher das hocherfolgreiche Dressur-Team bewohnt hatte? Auf jeden Fall ist Team Deutschland vorzüglich in den ersten Tag der Springreiter-WM in Aachen gestartet: Als Team geht Deutschland von der Pole Position in den zweiten Tag vor Belgien und USA, in der Einzelwertung platzierten sich hinter Sieger Julien Epaillard auf Fringan de Vesquerie (v. Mylord Carthago), Harrie Smolders auf Mr. Tac und Scott Brash auf Hello Mango mit fehlerfreien schnellen Runden Sophie Hinners auf Iron Dames Singclair als Vierte, Daniel Deusser auf Otello de Guldenboom als Fünfter zeitgleich mit Steve Guerdat auf Dynamix de Belheme und Eröffnungsreiter Marcus Ehning auf Coolio als 20.. Leider hatte Deutschlands Schlussreiter Richard Vogel einen misslichen Fehler an Sprung 11 und geht als 46. in den zweiten Tag.

Olympiasieger Christian Kukuk hatte dem Publikum den 1,55m Parcours erklärt, über den das Zeitspringen zum Start der Weltmeisterschaft für die Springreiter in Aachen ging. Sein Fazit über das, was Frank Rothenberger da mit 13 Hindernissen und 16 Sprüngen aufgebaut hatte: Fair für alle, „er hat ein gutes Mittelmaß gefunden“. Und dann, pünktlich um 9 Uhr 30, war das Tor zum Parcours geöffnet worden und Marcus Ehning auf Coolio (v. Casalito) unter viel Beifall eingeritten. Als erster Starter überhaupt und als Startreiter für Team Deutschland. Sein 13-jähriger Holsteiner machte es sich erst noch einmal ein bisschen leichter und äppelte, aber dann ging es los. Und wie: Nach 74,16 Sekunden war das erste Paar von Team Deutschland so wie erhofft, nämlich fehlerfrei und schnell im Ziel, der Beifall schwoll an und ein sichtbar erleichterter Marcus Ehning winkte zurück, während sein völlig entspannter Coolio am ganz langen Zügel gen Ausgang trottete nach dem Motto: War was?

Marcus Ehning war natürlich auch rundum zufrieden: „Coolio hat sich fantastisch angefühlt und ist wahnsinnig sicher und gut gesprungen. Es lief alles wie geplant. Auf der letzten Linie kam ich etwas nach außen, da habe ich gedacht, die acht Galoppsprünge werden zu lang. Im Nachhinein hätte ich da locker noch einen Galoppsprung weniger machen können. Dann wäre ich deutlich schneller gewesen. Als Erster reiten zu müssen war nicht gerade meine Wunschvorstellung. Es macht es sicher einfacher, wenn man mal 20 Reiter geguckt hat. Aber in erster Linie war ich mit meiner Runde gut zufrieden.“

Und Bundestrainer Otto Becker war auch wieder entspannt: „Das war gestern erst mal ein kleiner Schreckmoment, als wir als Erste gelost wurden. Zum Glück habe ich nicht gelost. Aber Marcus hat das einzigartig gelöst. Das war eine blitzsaubere Runde. Man hat all seine Erfahrung gemerkt. Er hätte in einer Stilspringprüfung auch eine 9.0 gekriegt. Der Auftakt war mehr als zufriedenstellend.“

Als der Ägypter Nayel Nassar mit ESI Ali (v. Stakkato Gold) als 25. Starter in den Parcours einritt (und sich am Ende knapp an Marcus Ehning vorbeischob), war dies zugleich das Startzeichen für Team Deutschland, die nächste Runde in Angriff zu nehmen. Sophie Hinners, Richard Vogel und David Will stürmten von der Teilnehmertribüne, ihre Zeit als Zuschauer war vorbei. Denn als 38. Starterin, als erste nach einer kurzen Pause, sollte Sophie Hinners mit Iron Dames Singclair (v. Singular LS La Silla) als Zweite für Team Deutschland einreiten.

Der Zwischenstand vor ihrem Ritt sah so aus: Ben Maher führte auf Point Break (v. Action-Breaker) mit 72,61 Sekunden vor Laura Kraut auf Baloutinue (v. Balou du Rouet), Nayel Nassar und Marcus Ehning.

Und nach ihrem Ritt?

11 Uhr 26 galoppierte Sophie Hinners mit dem SWB-Wallach vor dem Richterturm auf den großen Rasen hinaus, die Sonne brach sich kurz Bahn durch die Wolkendecke. War es ein Omen? Noch einmal ein paar Pferdeäppel fallen lassen – und los ging die schnelle Reise. Von den inzwischen noch voller besetzten Rängen jubelten die Ersten schon nach der Kombination, dem vorletzten Sprung. Allgemeines „psssttt“, aber nach dem letzten Hindernis brach sich die lautstarke Freude richtig Bahn: 72,28 fehlerfreie Sekunden. Um 11 Uhr 28 war Ben Maher auf Rang zwei geschoben, Sophie Hinners war die neue Führende!

„Absolut phatastisch“, resümierte sie hinterher die Leistung ihres Iron Dames Singclair. „Er war voll fokussiert und bei mir. Er ist so leicht über alle Hindernisse gesprungen. Wir hatten unseren Plan“, und den haben wir umgesetzt. „Ich bin einfach glücklich und stolz auf ihn. Wir haben als Team jetzt zwei gute Runden und sind alle in sehr guter Form. Wir haben ein gutes Gefühl“ im Blick auf das, was noch kommt.“

Das Gefühl trog nicht. Nach der nächsten Bodenpflege-Pause war Daniel Deusser als dritter deutscher und insgesamt 76. Starter mit Otello de Guldenboom (v. Tobago Z) dran. Zu diesem Zeitpunkt führte Sophie Hinners unverändert, aber Steve Guerdat hatte sich mit 72,32 fehlerfreien Sekunden mit Dynamix de Belheme (v. Snaike de Blonde) auf Platz 2 geschoben, und als Dritter hatte sich auch Mark Bluman mit Landon de Nyze (v. Comilfo Plus Z) noch vor Ben Maher gesetzt.

Um 13 Uhr 31 ertönte das Startzeichen für Daniel Deusser, umrahmt von intensivem Beifall. Souverän pilotierte er seinen Otello durch den Parcours, klopfte am Mercedes-Oxer Nummer 10 einmal kurz an – aber galoppierte mit exakt den gleichen fehlerfreien 72,32 Sekunden wie Steve Guerdat durchs Ziel. Da ging die Siegesfaust seines strahlenden Chefs Stephan Conter in die Höhe- und Double D holte sich auf dem Weg zum Ausgang seinen reichlichen Beifall ab.

Daniel Deusser blieb in der Analyse so cool wie im Parcours: „Zügige Nullrunde, auf dem dritten Platz nach ungefähr 80 Startern, das ist absolut das Ergebnis, das man sich erhofft hat. Mit der dritten Nullrunde im Team-Ergebnis ist das jetzt erst einmal eine Erleichterung. Aber alles ist ganz, ganz eng zusammen.“ Und er verwies auch darauf, dass es nicht leichter wird: „Natürlich ist heute nur 1,55m ausgeschrieben, noch nicht 1,60m oder 1,65m wie am Sonntag. Heute ist ein Zeitspringen, auch die Linienführung wird technisch morgen anspruchsvoller sein.“ Für seinen Partner hatte inzwischen schon sein Team die richtige Belohnung parat gehabt: „Otello ist schon von Äpfeln über Karotten und Gras von allen verwöhnt worden.“

Nach der nächsten Pause wartete Europameister Richard Vogel mit United Touch S (v. Untouched) als 111. Starter und Schlussreiter für Team Deutschland auf sein Glockenzeichen. In der Zwischenzeit war der 80. Starter, Scott Brash, auf Hello Mango (v. Untouchable) mit fehlerfreien 72,19 Sekunden neun Hundertstel schneller gewesen als Sophie Hinners gewesen und hatte sich vor sie auf Rang eins gesetzt. Und der auf Platz sechs abgerutschte Ben Maher musst sich diesen Platz nun mit Nicola Philippaerts auf Katanga v/h Dingeshof (v. Cardento) teilen.

Um 15 Uhr 21 war es so weit: Richard Vogel galoppierte mit United Touch S als Schlussreiter für Team Deutschland durchs Holztor auf den Platz, während Koki Saito gerade seine Schlusslinie in Angriff nahm. Der Beifall steigerte sich. Dann wurde es muchsmäuschenstill – bis Sprung 11, dem rot-weißen Sparkassen Steilsprung vor der Schlusslinie: Sie kamen nicht optimal heran, eine Stange fiel, und ein allgemeines Aufstöhnen ging durch das Runde. Vier Strafsekunden kamen auf die Zeit, mit 77,36 Sekunden sortierte sich das Paar in der Einzelwertung erst einmal auf Platz 37 ein.

Bundestrainer Otto Becker sagte zwar, er wisse auch nicht, wie es zu dem Fehler kam, aber Richard Vogel stellte gegenüber spring-reiter.de selbstkritisch klar: „Ich habe da schon eine sehr klare Antwort – schlechtes Reiten. United hat sich phantastisch angefühlt, sprang besser als sehr gut, hätte nicht besser springen können. Er hat super auf mich gehört. Ich konnte ihn ganz fein reiten, er hat immer toll reagiert. Der Anfang war sehr harmonisch, alles lief nach Plan. Dann hatte ich acht Galoppsprünge zu dem weißen Oxer geplant. Ich war, glaube ich, der Einzige, der das gemacht hat. Und dann hatte ich ein bisschen Sorge, dass ich mit fünf Galoppsprüngen zu dem roten Steil ein bisschen dicht hinkomme. Ich habe schon sofort in der Landung ein bisschen gewartet, und trotzdem viel zu viel gewartet. Ich weiß eigentlich, wie sensibel United ist. Mittlerweile wartet er so gut auf mich, da hätte ich nicht so einwirken müssen.“

Die Startnummer 117 war es dann, die für den nächsten Wechsel an der Spitze der Einzelwertung sorgte: Mit 71,96 fehlerfreien Sekunden flog Harrie Smolders auf Mr. Tac (v. Non Stop) durch die Zeitmessung am Ziel nach einer Runde ohne jede Stangenberührung. Doch damit war noch lange nicht Schluss, es folgte als 124. Starter ja noch Julien Epaillard. Und die Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Auf Fringan de Vesquerie (v. Mylord Carthago) drückte er die Bestzeit auf fehlerfreie 70,6 Sekunden.

Das bedeutete nicht nur die Führung für ihn am ersten Tag, sondern auch, dass der Franzose mit weißer Weste, also als Einziger mit der Null im Zwischenergebnis, in den zweiten Tag startet. Sophie Hinners, als beste Deutsche auf Zwischenplatz vier, nimmt 0,84 Minuspunkte in den weiteren Verlauf der WM mit, Daniel Deusser als Fünfter 0,86 Punkte, Marcus Ehning als Zwanzigster 1,78 Punkte, Richard Vogel nimmt als 45. jetzt 3,38 Punkte auf seinem Score mit. Also alle vier in der Einzelwertung weniger als einen Springfehler von Platz 1 entfernt.

Das Fazit von Bundestrainer Otto Becker viel naturgemäß sehr positiv aus: „Die Ausgangssituation ist sehr gut, alle vier Pferde sind gut gesprungen. Es war natürlich schade, dass Marcus als erster in den Parcours musste, sonst hätte er sicher zum letzten Sprung einen Galoppsprung weniger gemacht. Sophie und Daniel, das war vom Allerfeinsten. Auch United Touch S ist toll gesprungen. Das war ein Fehler, mit dem Richi und ich nicht gerechnet haben. Aber trotzdem haben sich alle vier vom Feinsten präsentiert. Im Einzel und bei den Teams ist jetzt alles sehr dicht zusammen. Das sind Bruchteile, die den Unterschied machen. Das hat sich mal wieder bestätigt.“

Das komplette Einzelergebnis hier

Zwischenstand der Einzel-Wertung hier

Zwischenstand der Team-Wertung hier