Viermal Null! Deutschland verteidigt Team-Führung bei der WM in Deutschland, Sophie Hinners 2., Daniel Deusser 3.

Besser geht es nun wirklich nicht: Team Deutschland lieferte am zweiten Tag der WM in Aachen vier blitzsaubere Nullrunden ab und verteidigte die Führung in der Zwischenwertung. Die USA, die punktgleichen Belgier und Italiener sowie auf Rang 5 Großbritannien folgen auf den Plätzen dahinter. In der Einzelwertung ist jetzt Sophie Hinners als beste Deutsche Zweite hinter dem nun führenden Briten Scott Brash und vor den gemeinsamen Dritten Daniel Deusser und Steve Guerdat sowie Ben Maher auf Rang fünf. Marcus Ehning ist jetzt Zehnter, Richard Vogel schob sich auf Rang 23 vor.

Nach den Einzelreitern und den schwächeren Teams hatte es die erste Pause gegeben, bevor es um 11 Uhr 51 Zeit war für Team Deutschland: Ihr Erster nahm als 52. Starter den Parcours der zweiten Wertungsrunde in Angriff. Auf Marcus Ehning und Coolio (v. Casalito) warteten 560 Meter mit 13 Hindernissen und 16 Sprüngen bis über 1,65m, für deren fehlerfreie Bewältigung maximal 84 Sekunden zur Verfügung standen.Und die Startreiter der vier schärfsten Team-Konkurrenten hatten optimal vorgelegt: Frankreichs Nina Mallevaey mit Dynastie de Beaufour, Großbritanniens Ben Maher mit Point Break, US-Amerikas Laura Kraut mit Baloutinue und Belgiens Nicola Philippaerts mit Katanga v/h Dingeshof waren fehlerfrei ins Ziel gekommen.

Das Publikum in der Soers sorgte für Wohlfühl-Atmosphäre: Rhythmisches Klatschen begleitete Marcus Ehning und seinen Coolio auf dem Weg zum Start. Aber nach der Startglocke herrschte zwar Stille, aber das Mitzittern im weiten Rund war umso deutlicher spürbar. Schon beim Überwinden des letzten Sprunges schwoll dann der Jubel an: Null Fehler in der Zeit. Punktlandung. Da konnte der Maestro sich und seinem Coolio schon mal eine halbe Extrarunde im Schritt gönnen, getragen vom nicht nachlassenden Beifall.

Dementsprechend relaxed war er bei der Analyse seiner Runde gegenüber spring-reiter.de: „Ich habe sie mir noch nicht angesehen, aber es war eine ziemlich perfekt Runde, fühlte sich mega an.“ Nur am letzten Sprung habe er „es noch einmal spannend gemacht. Ich weiß auch nicht, warum. Wir waren eigentlich super im Flow. Ich habe den Drittletzten vielleicht ein bisschen viel nach vorne gehabt und es gab sehr viele Fehler an der Triplebarre“ danach. „Da hätte ich am Ende einfach noch einen Tick mehr Vertrauen haben müssen.“

Und Bundestrainer Otto Becker atmete durch, war „sehr froh, dass Marcus wieder eine Nullrunde abgeliefert hat“. Zugleich habe sich „bestätigt, was wir vorher schon gesagt haben, dass alle sehr dicht beieinander sind. Deshalb war die Null immens wichtig.“

Dann war erst einmal wieder eine Pause zur Graspflege.

Nach Wiederanpfiff folgte unter anderem ein leichter Hoffnungsschimmer für Österreich, das den ersten Team-Tag auf Rang 18 abgeschlossen hatte: Max Kühner hatte mit EIC Colley Jump The Q auch den zweiten Tag mit zwei Springfehlern begonnen, aber als zweite Starterin hatte dann Katharina Rhomberg mit Colestus Cambridge eine Nullrunde hingezaubert und so die Chance auf Ergebnis-Verbesserung gewahrt. Noch besser ging es bei der Schweiz: Steve Guerdat hatte als Startreiter mit Dynamix de Belheme erneut wie ein Uhrwerk seine zweite Null abgeliefert und mit unverändert 0,86 Punkten auf seinem Einzel-Score alle Einzel-Medaillenchancen gewahrt – Martin Fuchs folgte an diesem Donnerstag auf Conner Jei fehlerfrei nach dem einen Abwurf am Vortag. Am Ende waren die Österreicher aber doch nur 24., die Schweizer aber auf Platz 8 hochgeklettert.

Mit dem Start von Frankreichs zweitem Reiter, Oliver Perreau auf GL Events Dorai d’Aiguilly (v. Kannan), stieg die Spannung. An Sprung 10 klapperte es, vier Punkte gingen in die französische Bilanz. Harry Charles ließ mit LT Holst Freda (v. Colman) das faire Publikum, das mit jedem Reiter mitlitt, anschließend schon an Sprung 4 einmal aufstöhnen. Damit verschlechterte sich erst einmal auch Großbritanniens Score um vier Punkte. Für die USA folgte Katherine A. Dinan, die mit Out of the Blue SCF (v. Verdi TN) am Vortag das Streichergebnis war. Diesmal blieb alles liegen, die Zeit stimmte auch. Deutschlands engster Verfolger, Belgien, schickte als Zweiten Pieter Devos mit Casual DV Z (v. Cornet Obolensky) ins Rennen, in Runde eins fehlerfrei, schnell und mit 1,08 Punkten auf dem Einzel-Score durchaus noch in Medaillen-Nähe. Aber an diesem Donnerstag klebte in der zweiten Hälfte des Parcours das Pech an den Stiefeln. In der Dreifachen rollte eine Stange bei 9b ins Gras, und dann fiel auch noch am letzten Sprung eine Stange. Acht Punkte, das war bitter.

Als Pieter Devos gerade durchs Ziel ritt, galoppierte um 13 Uhr 31 die beste Deutsche auf den Rasen. Rhythmisches Klatschen begleitete Sophie Hinners und Iron Dames Singclair (v. Singular LS La Silla) auf dem Weg zum Start. Aber dann übernahm wieder Stille die Herrschaft im Stadion – für genau 80,50 Sekunden. Denn dann stand die Doppelnull für Sophie Hinners, genauso wie vorher für Marcus Ehning. Das Publikum ließ die Ränge beben. Das absolute Traum-Zwischenergebnis für Team Deutschland stand und zugleich die Bestätigung für die 0,84 Punkte, mit den Sophie Hinners als Einzelreiterin unverändert auf Medaillen-Kurs bleibt.

Lachend erzählte sie hinterher spring-reiter.de: „Iron Dames Singclair sprang großartig,vom ersten Sprung an super konzentriert. Wir konnten wieder unser Ding durchziehen, hatten den Plan, hier und da eher einen Galoppsprung mehr einzubauen als andere Reiter. Das hat super geklappt, er ließ sich ganz toll reiten, ist super gesprungen. Wir hatten ein klitzekleines bisschen Glück am DHL-Sprung 10, aber dann haben wir die Konzentration wieder zusammengefasst und die letzten drei Sprünge absolviert.“

Das Publikum konnte nach all dem Jubel wieder Luft holen, denn als führendes Team darf Deutschland in jeder Runde als Letzter starten, bevor die nächste Pause folgt.

Gut heraus aus diesem Break kamen die Schweizer, die nach Tag 1 überraschend nur auf Platz 13 lagen: Nach der Null für Steve Guerdat und Martin Fuchs folgte die dritte, diesmal für den Jüngsten, den 21-jährigen Gaetan Joliat mit Chelsea Z (v. Chellano Alpha Z). Und weil es gerade so gut lief, folgte auch bei den davor platzierten Titelverteidigern aus Schweden die dritte Nullrunde des Tages, nach Petronella Andersson auf Odina van Klapscheut (v. Zazu) und Einzel-Titelverteidiger Henrik von Eckermann auf Minute Man (v. Vigo d’Arsouilles) jetzt durch Wilma McMahon auf Cicci BJN (v. Ci Ci Senjor ASK).

Platzverschiebungen folgten später bei den engsten Verfolgern von Team Deutschland. Antoine Ermann startete auf Floyd des Pres (v. Vigo Cece) für die in dem Moment auf Rang fünf liegenden Franzosen. Am Vortag war er noch Streichergebnis gewesen, jetzt lieferte er eine souveräne Nullrunde ab. Und plötzlich rückte sein Team im Zwischenergebnis auf Rang drei vor. Für Großbritannien, zu dem Zeitpunkt noch auf Platz vier, ging Adrian Whiteway mit Chacco Volo (v. Chacco-Blue) ins Rennen, auch er am Vortag Streichergebnis. Wieder fiel bei ihm eine Stange, die 9b in der Dreifachen, und erst einmal rutschten die Briten auf Rang sechs. Es folgte für die zu dem Zeitpunkt Dritten, die USA, Lillie Keenan mit Fasther (v. Vigo d’Arsouilles). Sprung 8 wackelte bedenklich, aber letztendlich blieb alles liegen und mit dieser Null rutschten die USA auf den zweiten Platz vor. Denn die bis dahin Zweiten, die Belgier, rutschten auf Platz vier, weil Thibeau Spits mit Impress-K van’t Kattenheye Z (v. Indoktro K van’t Kattenheye) nach einer souveränen Runde ausgerechnet am letzten Sprung noch die oberste Stange fallen ließ.

Er bekam den verdienten Trost-Applaus vom Aachener Publikum, der nicht wirklich trösten konnte. Kaum war er abgeklungen, ging die Lärm-Kurve steil nach oben. Denn Daniel Deusser galoppierte auf seinem Otello de Guldenboom (v. Tobago Z) herein. Um 15 Uhr 22 erreichte der Jubel seinen Höhepunkt, ehe er urplötzlich der gespannten Stille wich, ab und zu minimal unterbrochen von dem Geräusch, das entsteht, wenn man zwischen den Zähnen die Luft einzieht. Denn das Rund in Aachen folgte jedem Galoppsprung, jedem Abfußen und Landen mit voller Konzentration – bis es endlich wieder jubeln durfte: Null Fehler in der Zeit, Daniel Deusser sicherte mit Otello seinem Team Deutschland die Führung auch am Ende des zweiten Tages – egal, wie es bei Schlussreiter Richard Vogel ausgehen sollte. Dreimal Null durch Marcus Ehning, Sophie Hinners und Daniel Deusser – das war der sichere zweite Etappensieg für Team Deutschland.

Daniel Deussers erster Kurzkommentar lautete danach: „Man muss auch mal Glück haben. Otello fühlte sich noch immer gut an. Wenn er in den Parcours kommt, zeigt er immer keine Emotionen, aber wenn es dann losgeht, gibt er immer noch ein bisschen mehr.“

Nach der letzten Pause des Tages wurden die Karten an einigen Stellen neu gemischt. Nur nicht an der Spitze der Team-Wertung: Unter dem rhythmischen Klatschen des Publikums nahm Richard Vogel mit United Touch S (v. Untouched) um 17 Uhr 03 als letzter Reiter den Parcours in Angriff. Vorher ließ er sein Pferd noch einmal den DHL-Sprung 10 aus der Nähe begutachten, wo Team-Partnerin Sophie Hinners nach eigenen Worten ein wenig Glück gebraucht hatte. Aber ganz souverän galoppierte das Europameister-Paar durch die 560 Meter, blieb fehlerfrei und in der Zeit. Das Optimal-Ergebnis für Team Deutschland an diesem Tag war gesichert.

Der Europameister resümierte gegenüber spring-reiter.de: „Ich kann mich nicht genug bei meinen Team-Kollegen bedanken. Die reiten die ganze Woche schon phantastisch, bringen es auf den Punkt. Es könnte nicht besser laufen. Nach meinem Patzer gestern war ich sehr enttäuscht von meiner Reiterei. Rückgängig machen können wir das nicht mehr. Heute hätte United nichts besser machen können. Es war eine sehr harmonische Runde. Ich bin sehr glücklich mit unserem Ergebnis heute und hoffentlich ist das ein gutes Zeichen für morgen.“

Die größten Veränderungen gab es an der Spitze der Einzelreiter: Der Führende des ersten Tages, Julien Epaillard, hatte mit Fringan de Vesquerie (v. Mylord Carthago) gleich zwei Springfehler – an 9c und 11 – und fiel auf Rang 64 zurück. Der Zweite des ersten Tages, Harrie Smolders, ließ mit Mr. Tac (v. Non Stop) früh an Hindernis 3 eine Stange fallen und rutschte auf Platz 34.

Bei den Teams wurden die USA zu den schärfsten Verfolgern von Team Deutschland, verbesserten sich jetzt auf Platz zwei – nach den drei Nullrunden seiner Kollegen war Schlussreiter McLain Ward mit seinem Abwurf an Sprung acht durch High Star Hero (v. Zazu) einfach Teamergebnis-neutral ins Streichergebnis gebucht worden. Die vorherigen Zweiten aus Belgien rutschten trotz der Nullrunde ihres Schlussreiters Abdel Said mit Wathnan Quaker Brimbelles Z (v. Quicksilver St. Simeon) auf Rang drei – punktgleich mit den Italienern, die sich mit den drei Nullrunden von Giulia Martinengo Marquet auf Delta Del’Isle (v. Tibet Tame), Emanuele Camilli auf Chacareno PS (v. Chacco-Blue) und Piergiorgio Bucci auf Hantano (v. Quasimodo Z) von Rang acht nach oben gekämpft hatten. Großbritannien folgt auf Rang fünf vor Frankreich.

Unter Flutlich folgt morgen Abend die Entscheidung im Team.

Der Zwischenstand im Einzelergebnis hier

Der Zwischenstand in der Team-Wertung hier