Fünfmal nahm er bei dieser Weltmeisterschaft einen Parcours in Angriff, fünfmal beendete er ihn ohne Fehler: Souveräner kann man nicht gewinnen. Steve Guerdat hat sich an diesem Sonntag mit Dynamix de Belheme (v. Snaike de Blondel) zum Einzel-Weltmeister mit 0,86 Punkten unter Riesenjubel der 40.000 in der ausverkauften Aachener Soers gekrönt. Silber ging an den 25 Jahre jungen Belgier Thibeau Spits auf Impress-K van’t Kattenheye Z (v. Indoktro K van’t Kattenheye) mit 5,60 Punkten, Bronze an den nur zwei Jahre älteren Briten Harry Charles auf LT Holst Freda (v. Colman) mit 7,17 Punkten. Der hatte vorher noch ChatGPT gefragt, ob er Chancen hat, wenn er startet. Die Antwort lautete: „Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.“ Er hat sich dann mit Thibeau Spits mit Doppelnull an diesem letzten WM-Tag weit nach vorne geschoben, während den deutschen Reitern nach dem überragenden Sieg als Mannschaftsweltmeister das Pech an den Stiefeln zu kleben schien. Auf Platz sechs war Daniel Deusser mit Otello de Guldenboom bester Deutscher, unmittelbar vor Marcus Ehning mit Coolio. Sophie Hinners wurde Neunte mit Iron Dames Singclair, Richard Vogel 22. mit United Touch.
Nach dem Riesenerfolg zwei Tage zuvor konnte Bundestrainer Otto Becker trotz allem sein Team nur loben: „Alle haben einen super Job gemacht. Und die Medaillen-Gewinner haben es verdient.“
Die besten Zwölf aus der ersten Runde des Einzelfinales der Weltmeisterschaft in Aachen hatten um 16 Uhr 20 auch die zweite, über die Medaillen entscheidende Runde in Angriff nehmen dürfen. Und es begann gleich mit einem großen Schrecken: Der erste Starter, Scott Brash stürzte in der Dreifachen von seiner Hello Mango, blieb ein paar Minuten liegen, aber konnte dann unter dem Beifall der Publikums doch den Parcours zu Fuß verlassen.
Armando Trapote nahm anschließend mit Tornado VS drei Stangen mit, aber bedankte sich mit einem freundlichen Winken für den Beifall von den Tribünen. Harry Charles war als Nächster dran. Der Beifall begann schon vor dem Schlusssprung, was LT Holst Freda (v. Colman) aber nicht aus der Konzentration brachte. Der Null aus dem ersten Umlauf folgte noch eine Null. Plötzlich rückten Medaillen-Möglichkeiten in Reichweite.
Abdel Said, der mit Wathnan Quaker Brimbelles Z in Runde 1 noch mit vier Punkten durchgekommen war, musste diesmal nach zwei Verweigerungen – eine vor, eine in der Zweifachen – vorzeitig hinausreiten. Nina Mallevaey schaffte den von Frank Rothenberger dem Anlass entsprechend entworfenen Parcours auch nicht fehlerfrei, sondern brachte vier Punkte mit
Dann schwoll der Beifall wieder an: Publikumsliebling Sophie Hinners kam in die Bahn. Aber auch bei ihr gab es keine Null, sondern 9 Punkte. Was für ein Finale. Sollte es der Maestro schaffen? Nein, wie bei Sophie Hinners fiel am Einsprung der Zweifachen eine Stange. Aber bei ihm blieb es dabei und mit einem „Ja“ aus tiefster Brust überwand er mit seinem Coolio den letzten Sprung. „Die erste Runde war schon nicht so wie geplant, Coolio hatte an Sprung drei ein Eisen verloren. Dadurch wurde das Ganze sehr wackelig. Er hatte nicht so richtig Grip. Und zur Planke hätte ich ruhiger anreiten sollen.“
Thibeau Spits eröffnete mit Impress-K van’t Kattenheye Z die Runden der besten fünf. Alles blieb liegen und plötzlich rutschten auch für ihn die Medaillenränge in greifbare Nähe.
Der lobende Beifall für den jungen Belgier ging nahtlos in den aufmunternden Beifall für den letzten Deutschen über. Daniel Deusser klapperte mit Otello auch am Einsprung der Zweifachen, aber nichts fiel. Dafür ausgerechnet die Stange am letzten Sprung. 40.000 stöhnten auf. „In den zwei Runden heute wäre ein Fehler absolut möglich gewesen“, versuchte Daniel Deusser anschließend sich an einem ersten Fazit. „Ich habe die ganze Zeit so ein bisschen auf der Bremse gestanden, da konnte er sich nicht so richtig entwickeln.“
Der nach fehlerfreier Runde eins plötzlich bis auf Rang drei vorgerutschte Roberto Teran Tafur verlor am Aussprung der Dreifachen eine Stange. Piergiorgio Bucci machte es anschließend Daniel Deusser nach: Am letzten Sprung fiel nach einer tollen Runde mit Hantano doch wieder die Stange.
Steve Guerdat konnte dann als letzter Starter nach einer Nullrunde mit Dynamix de Belheme wie an der Schnur gezogen die Standing Ovations als neuer Einzel-Weltmeister in Empfang nehmen. Und später die 100.000 Euro Preisgeld.
Die erste Runde hatte die Reihenfolge der besten 25, die sich dafür qualifiziert hatten, kräftig durcheinander gewirbelt. Steve Guerdat führte am Ende zwar weiterhin auf Dynamix de Belheme, aber jetzt nicht mehr gemeinsam mit Daniel Deusser und auch nicht mehr vor dem ärgsten Verfolger Ben Maher. Die neue Reihenfolge vor dem Start der zweiten und letzten Runde lautete: Steve Guerdat (0,86) vor Piergiorgio Bucci (3,57), Roberto Teran Tafur (3,58), Daniel Deusser (4,86), Thibeau Spits (5,60), Marcus Ehning (5,78), Sophie Hinners (5,84).
Um 14 Uhr 20 war es ernst geworden, das Startzeichen für die erste Runde im Finale der Einzel-Weltmeisterschaft ertönte für die besten 25, die noch um die Medaillen reiten durften. Die ersten 18 von ihnen waren weniger als einen Springfehler von Platz 1 entfernt. Aber erst einmal hatte Ludger Beerbaum das Mikrophon genommen und dem Publikum den ersten Parcours dieses Tages erklärt. Die Weltmeisterin von 2018, Simone Blum, wollte mit spring-reiter.de auch noch einmal alle Sprünge und Distanzen abgehen – aber sie scheiterte am Eingang zum Parcours. Es gab für die Ex-Weltmeisterin keinen Zugang auf das Grün.
Schon um 14 Uhr 50 waren für einen Mannschaftsweltmeister auch die letzten Hoffnungen auf eine Einzel-Medaille dahin gewesen: Richard Vogel war mit seinem United Touch S (v. Untouched) als zwölfter Starter und Erster aus Team Deutschland unterwegs – aber ab Sprung vier war dies eine Reise ohne Perspektive. Denn der frischgebackene Mannschaftsweltmeister ritt die WM-Mauer, einen sogenannten „Holer“, so eng herum an, dass selbst ein United Touch keinen Absprungpunkt mehr finden konnte. Er stand. Richard Vogel formulierte es hinterher so: „Er hatte nicht auf dem Schirm, dass wir noch die Mauer springen müssen. In letzter Sekunde dachte er noch, wir müssen über das Reh, das rechts von der Mauer stand.“ Die Mauer wurde repariert, neu angeritten und ab jetzt flog der Untouched-Sohn über alles so hinweg, wie man es von ihm kennt. Zu den mitgebrachten 5,38 Punkten kamen, inklusive Zeitpunkten, noch einmal 10 hinzu.
Auch die nächsten Fünf kamen alle nicht ohne Strafpunkte aus dem 1,65m Parcours mit 13 Hindernissen und 16 Sprüngen, sodass keiner von ihnen den Führenden auf den Pelz rückte. Erst der 18., der Kolumbianer Roberto Teran Tafur, blieb mit seinem Dez‘ Ooktoff (v. Corlandro) genauso fehlerfrei wie nach ihm Piergiorgio Bucci auf Hantano (v. Quasimodo Z). Und beide waren die Ersten, die weniger als einen Springfehler bis Platz 1 hatten und sich durch diese Nullrunden deutlich verbessern konnten. Es wurde alles noch spannender.
Um 15 Uhr 14 kündigte der rhythmische Applaus an: Sophie Hinners ritt mit Iron Dames Singclair (v. Singular LS La Silla) ein und eröffnete das Finale für die besten Fünf. Alles lief nach Plan, auch die Mauer war diesmal kein Problem – bis zum letzten Sprung. Er fiel und ein lautes Stöhnen zog durchs Rund. Plötzlich waren aus 1,84 Punkten 5,84 geworden und aus Platz 5 der Platz 7. Immerhin noch, denn auch Konkurrenten um die Medaille patzten.
Nach ihr begleitete der Hoffnungs-Applaus Marcus Ehning mit Coolio (v. Casalito) in den Parcours. Er würde doch fehlerfrei bleiben. Nein, blieb er nicht. Am Wellenplanken-Sprung fiel die oberste Latte unter allgemeinem Mitleiden auf den Tribünen. Auf Marcus Ehnings Score kamen auch vier Punkte hinzu. Die nun 5,78 Punkte bedeuteten nach Runde eins erst einmal Platz sechs.
Die Wellenplanken bereiteten nach ihm auch Ben Mahers Point Break (v. Action-Breaker) Probleme: Er nahm den Steilsprung erst nach dem zweiten Anlauf. Und plötzlich war Ben Maher mit 11,01 statt 1,01 Punkten vom dritten auf den 19. Platz abgerutscht.
Es blieben noch die beiden Führenden, um diese erste Runde des Finales zu beschließen. Steve Guerdat eröffnete und schnurrte mit Dynamix de Belheme (v. Snaike de Blondel) mit der Zuverlässigkeit eines Urwerks durch den Parcours. 0,86 Punkte blieben 0,86 Punkte, Platz 1 blieb Platz 1 für den Schweizer.
Leider anschließend nicht für den deutschen Schlussreiter, der ebenfalls mit 0,86 Punkten in diesen Parcours gekommen war. An Sprung drei fiel bei Daniel Deusser mit Otello de Guldenboom (v. Tobago Z) eine Stange, sodass er am Ende der ansonsten makellosen Runde mit 4,86 Punkten auf Platz vier hinausritt. Piergiorgio Bucci und Roberto Teran Tafur hatten sich durch ihre fehlerfreien Ritt an ihm vorbeigeschoben.
„Ich habe mein ganze Leben vom Titel des Weltmeisters geträumt. Aber ich war die ganze Woche über ziemlich nervös, weil ich dachte, es könnte meine letzte Chance sein. So ein Pferd wie Dynamix, zudem in dieser tollen Verfassung, bekommt man nicht alle Tage. Daher war die Woche für mich schon lang und mit viel Druck belastet, weil ich dem Pferd natürlich gerecht werden wollte“, brachte der Sieger seine Emotionen nach der Siegerehrung auf den Punkt. Und auch wenn er sich über den Weltmeistertitel freut: „Ich bin die Woche hundert Mal an der Aachen Sieger Wand vorbei gelaufen und ich habe mich jedes Mal geärgert, dass ich da noch nicht drauf stehe. Das muss ich auf jeden Fall noch einmal ändern.“
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