So sieht feines Reiten aus: Patrick Stühlmeyer schaut man einfach gerne zu. Der Top-Ausbilder im Stall Schockemöhle ist ein wahrer Stilist im Springsattel und lässt eine Weltcup-Prüfung über 1,60m schon mal wie ein Stilspringen aussehen. Gerade hat der Deutsche Meister von 2024 eine erfolgreiche Hallen- und Weltcup-Saison hinter sich, ist vom Finale in Fort Worth zurück und knüpfte direkt mit Top-Platzierungen bei Horses & Dreams in Hagen an. Ob in einer nationalen Springpferde A-Prüfung oder bei einem internationalen 5-Sterne-Event – der Rider of the Year 2022 kann sich mit viel Gefühl und seiner ruhigen Art auf die unterschiedlichsten Pferde und Situationen einstellen.
Wir haben mit Patrick Stühlmeyer über seine lehrreichen Erfahrungen beim Weltcup-Finale in den USA, über tolle Nachwuchspferde, seine Ausbildungs-Philosophie und den anfänglichen Respekt vor Galopp gesprochen. Der 35-Jährige hat zudem Tipps für den Reiter-Nachwuchs gegeben und verraten, was noch auf seiner Bucket List steht und dass er im August noch einmal Vater wird.
Du hattest eine super erfolgreiche Hallen- und Weltcup-Saison mit einem 2. Platz im Großen Preis von Frankfurt, einem 3. Platz über 1,60m auf der Weltcup-Etappe in Mechelen, einen 4. Platz beim Weltcup in Amsterdam, Top-Platzierungen in Leipzig und Du hast dir in Göteborg zudem die Gothenburg Trophy geschnappt und Dich am Ende für das Weltcup-Finale in Fort Worth qualifiziert…
Patrick Stühlmeyer lacht: Ja, ich würde sagen, die ganze Hallensaison habe ich vor allem mit Baloutaire PS und Conterno-Blue PS (jetzt unter Denis Lynch, Anmerkung der Redaktion) ganz erfolgreich bestritten. Baloutaire ist natürlich sehr erfahren, Philip Rüping hat mit ihm auch schon viel gewonnen, unter anderem den Großen Preis in Hohen Wieschendorf. Wir haben sehr gut zueinander gefunden. Er ist ein super Hallen-Pferd. Er mag die kleinen Arenen. Ich habe mich auch immer mit Philip Rüping ausgetauscht, was das Richtige für das Pferd ist. Er hat mir sehr viel geholfen. Nach der tollen Hallen-Saison konnten wir uns für das Weltcup-Finale qualifizieren.
Wie hast Du das Weltcup-Finale in Fort Worth erlebt?
Patrick Stühlmeyer: Für mich war es ja eine Premiere beim Weltcup-Finale. Die Parcours in Fort Worth über die drei Tage waren schon noch mal etwas anderes, verglichen mit den normalen Weltcup-Turnieren, wo du eine kleine Runde vorweg reiten kannst und wo Du die Leistung dann nur einmal abrufen musst. Diese Springen über drei, vier Tage, das hatte dann schon Championats-Charakter. Mit Daniel Deusser und Richard Vogel hatten wir auch echt viel Spaß im Team. Mit Daniel kann ich mich auch gut austauschen. Da nimmt man auf jeden Fall was mit.
Nach soliden Leistungen in den ersten zwei Runden hattest Du Dich für das Finale der besten 30 qualifiziert. An einer einfarbigen, zweifachen Kombination (Steilsprung und Oxer mit Wassermatte) war die Reise für euch allerdings leider frühzeitig zu Ende…
Patrick Stühlmeyer: Im Nachhinein würde ich sagen, war ich vielleicht nicht ganz dran, habe ich Baloutaire nicht die letzte Sicherheit gegeben. Die Distanz war vielleicht minimal halb groß. Und dann mit der optischen Täuschung mit dem Wassergraben dahinter, das war am Ende eine sehr schwere Kombination. Wenn ich es jetzt noch mal anreiten könnte, würde ich wohl einen Galoppsprung mehr machen. Damit ich ihm noch einen bisschen mehr Sicherheit geben kann. Und dann wäre das wahrscheinlich auch gegangen. Bei dem ersten Sprung hatte er die Stange zudem leider auch unglücklich vor die Nase bekommen. Wenn man Baloutaire kennt, dann weiß man, dass er ein sehr empfindliches Pferd ist. Shit happens. Wir haben daraus viel gelernt und konnten einiges mitnehmen.
Wie groß war die Enttäuschung, das Finale so zu beenden?
Patrick Stühlmeyer: Klar war ich sehr enttäuscht. Umso stolzer macht es mich zu sehen, wie Baloutaire zum Beispiel in Hagen wieder gesprungen ist. Wir haben die Sicherheit sofort wiedergefunden. Wir machen jetzt einen Haken hinter Fort Worth und wollen nach vorne gucken.
In Hagen hast Du u.a. mit dem neunjährigen Chaloubino PS OLD (v. Chacoon Blue) für Furore gesorgt – dort das Hauptspringen am Samstag über 1,50m mit Stechen gewonnen. Ist er eine Deiner großen Nachwuchshoffnungen?
Patrick Stühlmeyer: Ja, auf jeden Fall. Ich habe Chaloubino im Stall, seitdem er fünf Jahre alt ist. Er war fünf- und sechsjährig Vize-Bundeschampion in Warendorf. Dann ist er siebenjährig zwei bis drei Youngster-Touren gegangen. Letztes Jahr ist er achtjährig schon 1,50m gesprungen und war immer platziert, und er war auch Zweiter bei den Sires of the World in Lanaken. Er ist überehrgeizig, den muss man schon etwas bremsen.
Für Hagen haben wir ihn daher sehr schonend vorbereitet. Ich habe erst so drei bis vier nationale Turniere mit ihm gemacht. Im Hauptspringen am Samstag in Hagen war es sein erster großer Auftritt wieder. Er ist ja auch erst neun Jahre, das darf man nicht vergessen. Wir haben ihn richtig geschont über den Winter. Mal sehen, wo die Reise in diesem Jahr hingeht. Das nächste gemeinsame Ziel ist erst mal die Deutsche Meisterschaft in Balve.
Bleibt Dir Chaloubino PS OLD erhalten, so ein Pferd weckt ja Begehrlichkeiten…
Patrick Stühlmeyer grinst: „Das hoffe ich schon. Chaloubino ist ja auch Deckhengst auf der Station Schockemöhle. Paul Schockemöhle ist zudem ganz hin und weg, wie die Nachkommen von ihm schon jetzt in der Lewitz freispringen. Er hat mir auch zugesagt, dass Chaloubino erst mal bleibt.“
Du warst schon als Ponyreiter, bei den Junioren und den Jungen Reitern hoch erfolgreich – wie bist Du zum Reitsport gekommen?
Patrick Stühlmeyer: Meine Oma und mein Onkel haben einen Pensionsstall in der Nähe von Georgsmarienhütte. Da kommt meine Mutter vom Hof und da habe ich angefangen zu reiten. Ich habe allerdings lange gebraucht, bis ich mich getraut habe zu galoppieren. Ich hatte irgendwie lange Respekt davor. Die erste Führzügelklasse bin ich mit drei Jahren geritten, aber bis ich elf Jahre alt war, hatte ich noch Respekt vor dem Galopp.
Wie ist der Knoten dann geplatzt?
Patrick Stühlmeyer: Mein Vater und ich sind ständig ins Gelände geritten. Mein Vater ist vorne weg galoppiert und ich bin im Trab hinterher. Irgendwann ist mein Pony dann auch mal angaloppiert. Und damit war die Angst dann irgendwann auch vergessen. Es wurden die ersten Ponys gekauft und mein Vater ist mit mir jedes Wochenende zum Turnier losgefahren. Mein Vater ist selber auch bis zur schweren Klasse geritten. Das hilft schon. Fußball habe ich natürlich auch gespielt. Aber irgendwann musste ich mich entscheiden. Die Entscheidung fiel auch nicht so schwer, weil ich im Pony-Sattel schon eine sehr erfolgreiche Zeit hatte. Ich hatte tolle Ponys, von denen ich viel lernen konnte. Im letzten Jahr bin ich bis zur Europameisterschaft geritten, da war ich Vierter im Einzel und Zweiter mit dem Team mit Laura Klaphake zusammen. Auch bei den Junioren und Jungen Reitern war ich immer mit dabei.“
Was ist oder was war dein absolutes Herzenspferd?
Patrick Stühlmeyer: Ganz klar Drako de Maugre, mit dem ich auch Deutscher Meister geworden bin. Mit ihm durfte ich auch eine Saison bei der Global Champions Tour mitreiten. Das war schon mein Herzenspferd in den letzten Jahren.
War es nie eine Option, nachdem er von Paris Sellon zurückkam, dass er wieder in Deinen Stall kommt?
Patrick Stühlmeyer: Christoph Schockemöhle, der Mitsponsor von Zascha Nygaard, hat sich schnell entschieden, Drako für Zascha zu sichern. Das muss man dann halt einsehen.
Wie schwer ist das für Dich, immer wieder Top-Pferde in den Sport zu bringen und sie dann ziehen lassen zu müssen? Wie gehst Du damit um?
Patrick Stühlmeyer: Mit diesen Situationen bin ich schon groß geworden. Wir waren finanziell nicht so stark aufgestellt, da gehörte es dazu, dass auch mal ein Pferd verkauft wurde.
Was ist Deine Philosophie beim Reiten – wie bekommst Du die Pferde auf Deine Seite?
Patrick Stühlmeyer: Vertrauen ist da Wichtigste, das braucht man am Ende in einem schweren Parcours. Um Vertrauen herzustellen, reite ich auch oft noch mal eine kleinere Runde vor einer größeren Prüfung. Auch ein paar nationale Turniere, bevor ich auf ein internationales Turnier fahre. Ich finde es immer wichtig, dass man nicht zu viel zu schnell will. Wie zum Beispiel mit Chaloubino: Wenn ich mit ihm wie in Hagen gewonnen habe, dann reite ich ihn die nächste Woche national eine kleine Runde. Das ist für den Kopf der Pferde einfach sehr wichtig, finde ich. Damit das Pferd auch den Spaß am Springen behält.
Was ist dein Lieblingstyp bei den Pferden, worauf legst Du Wert, welche Eigenschaften liegen Dir oder kannst Du Dir das gar nicht aussuchen?
Patrick Stühlmeyer, der bei Paul Schockemöhle angestellt ist: Eigentlich suche ich mir die Pferde ja nicht aus. Sie werden mir in der Regel zugeteilt. So ist Chaloubino ein ganz anderes Pferd verglichen mit HH Chaccothargo, mit dem ich letztes Jahr in Hagen im Championat platziert war. Er hat etwas weniger Blut, lässt sich immer etwas mehr motivieren. Chaloubino dagegen muss man eher bremsen. Am Ende muss ich schon mit jedem Pferd klarkommen und mich auf die unterschiedlichsten Pferde einstellen können. Auch wenn ich es natürlich mag, wenn die Pferde von sich aus sehr motiviert sind und die Sprünge schon selber suchen und hinziehen.
Was ist die langfristige Perspektive für Dich bei Paul Schockemöhle?
Patrick Stühlmeyer: Am liebsten würde ich so lange reiten, wie es vom Körper her irgendwie geht. Was danach kommt, kann ich jetzt noch nicht sagen.
Du bist in Georgsmarienhütte geboren, fühlst Dich mit Deiner Familie aber in Mühlen mittlerweile zu Hause?
Patrick Stühlmeyer: Ja, meine Frau arbeitet auch in Mühlen bei Schockemöhle Sports. Unser Kleiner, er wird bald vier Jahre alt, geht dort in den Kindergarten. Im August bekommen wir noch mal Nachwuchs. Wir fühlen uns sehr wohl in Mühlen.
Was gefällt Dir besser, die Jungpferde-Ausbildung oder auf internationalen Turnieren um den Sieg im Großen Preis zu reiten?
Patrick Stühlmeyer: Wenn es in Richtung Bundeschampionat geht oder zu den Landesmeisterschaften mit den jungen Pferden, dann gefällt mir das auch unwahrscheinlich gut. Weil ich auch die besten Pferde eines Jahrgangs aus unserem Stall zugeteilt bekomme. Das macht mir riesig Spaß, dann mit diesen jungen Pferden zu arbeiten. Klar macht es aber auch Spaß, auf ein internationales Turnier zu fahren. Ich freue mich zum Beispiel riesig, in Hamburg zu reiten. Die Mischung macht es, finde ich.
Wäre die Global Tour oder die neue Tour PJL noch mal eine Option für Dich?
Patrick Stühlmeyer: Ja. Wir haben schon mal einen groben Turnierplan bis zur Deutschen Meisterschaft in Balve aufgeschrieben. Wenn die Pferde danach noch alle da sind und alle gut drauf sind, dann würden wir versuchen, im zweiten Halbjahr ein Platz in einem Global Champions Team zu bekommen.
Wie viele Pferde hast du derzeit in Beritt?
Patrick Stühlmeyer: Ich habe immer so 15 Pferde auf meiner Liste. Ich habe auch noch einen Bereiter bei mir im Stall, der nimmt die jungen Pferde auch mal mit zum Turnier, wenn ich nicht da bin. Damit die alle in Gang bleiben.
Welche Dinge stehen noch auf Deiner Bucket List?
Patrick Stühlmeyer: Es wäre schön, noch mal bei einem Championat für Deutschland zu reiten. Bei den Junioren und in der Jungen Reiterzeit habe ich das ja gemacht. Das gefiel mir auch sehr gut. Das wäre also nochmal ein Ziel – genauso wie den Großen Preis in Aachen zu gewinnen.
Welche Tipps würdest Du dem Reiternachwuchs geben? Worauf kommt es Deiner Meinung nach im Springsport an?
Patrick Stühlmeyer: Es ist wichtig, immer fleißig an seinem Ziel dranzubleiben. Auch wenn es mal nicht so gut läuft. Man muss sich nach einer Niederlage auch berappeln und weiter machen. Auch wenn es schwerfällt. Als ich zum Beispiel vom Weltcup-Finale aus Texas wiedergekommen bin, den ganzen Montag im Flieger saß, bin ich am Dienstag direkt wieder eine Springpferde-Prüfung in Mühlen geritten. Man muss sich halt immer wieder motivieren und aus den Fehlern lernen, weil man dadurch auch stark wird. Nur nicht den Kopf in den Sand stecken, es geht immer weiter.
Was war Deine bisher größte Challenge und wie hast Du sie gemeistert?
Patrick Stühlmeyer: Der Weg zum Sieg bei der Deutschen Meisterschaft, das war nicht so einfach. Davor hatte ich mit Drako immer einen doofen Fehler, dabei habe ich gefühlt, dass das Pferd einfach richtig gut drauf ist. Aber irgendetwas fehlte. Dann hat sich Paul vor der Deutschen Meisterschaft in Balve mit eingeschaltet und wir haben zusammen minimal an ein paar Stellschrauben gedreht. Wir haben zum Beispiel noch mal etwas an der Zäumung geändert. Nicht, viel, Kleinigkeiten. Dass es dann in Balve so funktioniert hat, habe ich auch viel Paul Schockemöhle und Andreas Kreuzer zu verdanken. Andreas und ich kennen uns schon seit knapp über 20 Jahren. Wir sind zusammen Ponys geritten, bei den Junioren und Junge Reiter. Wir tauschen uns immer super aus. Zu Hause hilft er mir beim täglichen Training, auch auf dem Turnier ist er jeden Tag dabei.
Welches ist Dein Lieblingsturnier?
Patrick Stühlmeyer: Auf jeden Fall Hamburg. Das ist schon ein besonderes Traditions-Turnier. Die Atmosphäre, die vielen Zuschauer über die Feiertage, das macht schon Spaß.
Welches Pferd von Deinen Kollegen würdest Du gerne mal reiten?
Patrick Stühlmeyer muss nicht lange überlegen: DSP Chakaria von André Thieme. Mich fasziniert ihr Instinkt im Parcours, sie gibt immer alles. Da guckt man einfach gerne zu. Sie ist ein ganz besonderes Pferd.
Wenn nicht Springen, welche Disziplin wäre noch etwas für Dich?
Patrick Stühlmeyer überlegt einen Moment: Vielleicht würde ich es dann im Viereck versuchen. Ich durfte mal das Grand Prix Pferd meiner Frau mitreiten. Wenn die dann noch mal so einen Schalter umlegen mit Piaffe, Passage und Galoppwechsel – das macht dann schon auch Spaß. Wenn Du so ein richtig gut ausgebildetes Dressur-Pferd reiten darfst, das hat auf jeden Fall etwas.
Was sagst Du den Leuten, die den Sport abschaffen wollen?
Patrick Stühlmeyer: Man müsste den Kritikern eigentlich noch viel mehr Einblicke hinter die Kulissen geben. Damit sie sehen, wie gut es den Pferden wirklich geht. Damit sie sehen, was alles für die Pferde getan wird, wie gründlich sie umsorgt und gepflegt werden, von der Activomed Decke bis zu den Pflegern, die sich 24/7 um die Pferde kümmern. Wenn die Pferde so für uns kämpfen, hat das natürlich sehr viel mit Vertrauen und Sicherheit zu tun. Das kommt nicht von alleine, Vertrauen und Sicherheit erarbeiten wir uns zusammen mit den Pferden. Aber das muss man noch viel besser kommunizieren.
Vielen Dank Patrick Stühlmeyer für das interessante Gespräch!
Das Interview führte Corinna Philipps für spring-reiter.de









