Gold! Gold! Gold! Gold! Eine Super-Runde nach der anderen: Deutschlands Springreiter holen sich mit großem Abstand in Aachen den Titel des Team-Weltmeisters

Eine Woche nach den Dressurreitern haben auch die deutschen Springreiter in Aachen Team-Gold bei der Weltmeisterschaft gewonnen, zum ersten Mal wieder nach dem Titel 2010 in Lexington. Und wie! Null Fehler von Eröffnungsreiter Marcus Ehning mit Coolio, 1 Zeitfehler für Sophie Hinners mit Iron Dames Singclair, null Fehler für Daniel Deusser mit Otello de Guldenboom und 2 Zeitfehler für Richard Vogel mit United Touch S in der finale Runde unter Flutlicht sorgten für einen sehr deutlichen Sieg von Bundestrainer Otto Beckers Team Deutschland mit 4,48 Punkten vor den Belgiern und ihrem deutschen Teamchef Peter Weinberg mit 11,69 Punkten, deren Erfolg ein fehlerfreier Ritt von Schlussreiter Abdel Said auf Wathnan Quaker Brimbelles Z abgesichert hatte. Bronze ging an das britische Team mit 12,98 Punkten. Für die ursprünglichen Zweiten, die USA, blieb trotz einer Nullrunde von Schlussreiter McLain Ward auf High Star Hero nur der undankbare vierte Platz mit 16,85 Punkten, denn vor ihm hatte auch Lillie Keenan mit Fasther gepatzt und acht Fehlerpunkte der US-Bilanz hinzugefügt.

Vor der offiziellen Siegerehrung war dann nur noch Singen und Tanzen auf den Tribünen angesagt, ein Ohrwurm nach dem anderen wurde gesungen und geschunkelt, bis der Jubel keine Grenzen mehr kannte, als die vier Mannschaftsweltmeister als drittes der Podiums-Teams einritten, in roten Jacken mit den breiten Schärpen der Titelträger. Das Klatschen wollte gar nicht mehr aufhören. Und dass inzwischen der Regen nur so strömte – wen konnte das in diesem Moment stören. Vielleicht außer den Fotografen.

Bundestrainer Otto Becker fühlte sich hinterher, „als ob ich ein paar Zentimeter gewachsen wäre, so gut, wie die geritten haben. Ich bin überwältigt, mir fehlen die Worte, was das Team geleistet hat. Es ist ein richtiges Team, die Vier, wie die sich hier präsentiert haben. Jeder hat seine Runden dazu beigesteuert. Ich bin total stolz auf das Team und dass ich mit dabei bin.“

In der Einzelwertung sind jetzt drei deutsche Titelaspiranten unter den besten Fünf. Es führen nach diesem Abend punktgleich mit 0,86 Punkten Daniel Deusser und Steve Guerdat das Ranking an, vor Ben Maher mit 1,01 Punkten und Marcus Ehning mit 1,78 Punkten auf Rang vier. Fünfte ist jetzt Sophie Hinners mit 1,84 Punkten, 14. Richard Vogel mit 5,38 Punkten. Der am Nachmittag noch Führende, Scott Brash, hatte mit seinem Hello Mango an diesem Tag gleich an Sprung eins einen Abwurf und fiel mit 4,80 Punkten auf Rang 10 zurück. Es bleibt also spannend auf dem weiteren Weg zum Einzeltitel. Nach einem Tag Erholungspause für die Pferde starten am Sonntag um 14 Uhr 20 die beiden finalen Wertungsrunden.

Um 20 Uhr 15 war an diesem Freitag die Startglocke für den Umlauf der zweiten Runde in der Entscheidung um die Mannschafts-Medaillen ertönt, die zugleich die dritte von fünf Runden im Kampf um die Einzelmedaillen war. Die zehn besten Teams waren noch dabei und für die Neunten, die Dänen, startete Zascha Nygaard auf COM’on Drako de Maugre (v. Kannan) das Finale, weil die zehnplatzierten Iren nur noch zu Dritt waren und erst in der nächsten Runde antraten. Das Wetter hielt erst einmal trotz gelegentlicher Blitze und Donnergrollens, das Flutlicht strahlte, der große Rasen machte auch am dritten Tag einen guten Eindruck und die 40.000 Plätze im großen Rund hatten sich gefüllt. Weltmeisterschafts-Stimmung machte sich breit im Wimbledon des Reitens.

Es war nicht der Tag von Zascha Nygaard, nach Sprung zehn und Fehlern zuvor beendete sie ihre Runde vorzeitig. Aber nach ihr zeigte gleich Steve Guerdat auf Dynamix de Belheme (v. Snaike de Blondel), wie es geht, blieb elegant fehlerfrei und half damit nicht nur seinem Team Schweiz, sondern sorgte außerdem dafür, dass seine 0,86 Punkte in der Einzelwertung Bestand hatten. Auch der erste britische Team-Reiter Ben Maher blieb anschließend mit Point Break (v. Action-Breaker) fehlerfrei und in der Einzelwertung bei 1,01 Punkten. Um 20 Uhr 37 füllte erstmals an diesem Abend das rhythmische Klatschen für die Heimmannschaft das Stadion. Marcus Ehning ritt auf Coolio (v. Casalito) ein und das Publikum war dann über jedem Sprung unüberhörbar mit „uuhhh“ und „oohhh“ dabei. Nach 86,76 Sekunden waren Reiter, Pferd und das Publikum erlöst, das sich mit ungeheurem Jubel für eine Nullrunde bedankte. Der Maestro ließ am langen Zügel erst einmal die Anspannung abfallen, eher er zu den Rängen hoch grüßte. Am Ausritt empfing ihn und Coolio dessen Pflegerin Mel. „Hab ich es spannend gemacht?“, grinste Deutschlands Startreiter, ehe er sich dann mit Team-Kollegen Daniel Deusser abklatschte: „Ist doch eigentlich scheißegal, wieviele Galoppsprünge man macht.“

Etwas ausführlicher folgte später gegenüber spring-reiter.de: „Ich hatte eigentlich sechs Galoppsprünge zum Wassergraben geplant, aber die kamen dann nicht sofort. Aber das Schöne bei Coolio ist mittlerweile, er hört unwahrscheinlich auf mich, hat unheimlich gewartet. Am Ende bin ich dann trotzdem mit dem passenden Abstand hingekommen.“

Um 21 Uhr 06 das nächste rhythmische Klatschen, Sophie Hinners galoppierte mit Iron Dames Singclair (v. Singular LS La Silla) herein. Um 21 Uhr 09 der laute Schrei: „Jaaaa“ von den Tribünen, gefolgt von nicht enden wollendem Beifall. Denn die nächste Runde ohne Stangenberührung für Team Deutschland war abgeliefert – mit einem Zeitfehler, eingebaut für die Sicherheit.

Sophie Hinners lobte hinterher natürlich ihren Partner: „Ich würde sagen, er sprang noch besser als gestern. Ich bin total stolz, wie er das wieder gemacht hat.“

So langsam wuchs im Stadion der Glauben an die Möglichkeit, dass eine Woche nach den Dressurreitern auch die deutschen Springreiter in Aachen Mannschaftsgold gewinnen könnten. Denn die ärgsten Verfolger hatten ungewollt für ein bisschen mehr Abstand gesorgt:

Team Deutschland führte nach den ersten zwei Reitern mit erst einmal 3,48 Punkten vor den USA, für die vier Punkte von Startreiterin Laura Kraut mit Baloutinue auf jeden Fall zu einem Zwischenergebnis von 8,85 Punkten hinzu addiert werden mussten. Denn die zweite Amerikanerin, Katherine A. Dinan, hatte nach einem Fehler in der Dreifachen das folgende Wasser gar nicht mehr in Angriff genommen, sondern ihren Ritt abgebrochen. Auf Platz drei hatten sich zu diesem Zeitpunkt die Briten mit 8,98 Punkten vorgearbeitet, denn nach der Null von Startreiter Ben Maher schaffte auch Harry Charles mit LT Holst Freda die Null. Als Vierte standen jetzt die Schweizer mit 10,49 Punkten in den Starlöchern, weil nach der Null von Steve Guerdat auch bei ihnen die vier Punkte des zweiten Reiters, Martin Fuchs mit Conner Jei, erst einmal Streichergebnis blieben. Die vorherigen Dritten aus Belgien waren mit 11,69 Punkten auf Platz fünf gerutscht nach zwei Abwürfen durch Nicola Philippaerts und Katanga v/h Dingeshof sowie vier Punkten für Pieter Devos und Casual DV Z.

Um 21 Uhr 48 war es wieder so weit: Intensives rhythmisches Klatschen, das immer mehr anschwoll. Daniel Deusser war mit Otello de Guldenboom im Parcours. Ab 21 Uhr 49 totale Stille, höchstens von einem „pssst“ unerbrochen. Aber dann der Aufschrei, standing Ovations für den, der mit seinem Pferd Deutschland vorzeitig den Weltmeistertitel gesichert hatte. Denn von nun an ging es nur noch um die Plätze dahinter.

Aber natürlich lieferte auch Deutschlands Schlussreiter Richard Vogel das, was zu diesem Ausnahme-Team passte und was er sich vorgenommen hatte: eine fehlerfreie Runde mit United Touch S. Rhythmisches Klatschen empfing ihn um 22 Uhr 19, und Blasmusik aus den Lautsprechern dröhnte über den Platz, als er die standing Ovations als Vierter des Weltmeister-Teams entgegennahm.

Bevor es an diesem Freitagabend in Aachen losgegangen war, hatte erst einmal Ludger Beerbaum dem Publikum die Wege, Haken und Ösen des 580 Meter langen Parcours erklärt, den Frank Rothenberger mit 14 Hindernissen und 17 Sprüngen über bis zu 1,65m Höhe arrangiert hatte. Als Erste waren 28 Einzelreiter dran, die gut genug waren, um weiter um Einzel-Platzierungen mitzuspringen, deren Teams aber schon ausgeschieden waren.

Der Mexikaner Carlos Hank Guerreiro auf H5 Shaq Attack (v. Cornet Obolensky) eröffnete und setzte Ludger Beerbaums Theorie in die Praxis um. Begleitet von einem ersten Donnergrollen klappte alles und er war fehlerfrei innerhalb der erlaubten Zeit im Ziel. Als 13. Starter übernahm später der 23-jährige Omar Abdul Aziz Al Marzooqi aus den als Team ausgeschiedenen Vereinigten Arabischen Emiraten mit Enjoy de la Mure (v. Vigo Cece) vorübergehend die Führung. Nachdem er eine blitzsaubere Nullrunde absolviert hatte, ließ er sich mit hochgerecktem Arm vom Publikum auf einer improvisierten halben Ehrenrunde feiern. 5,01 Punkte behielt er auf seinem Score als Zwischenergebnis. Die Führung hielt auch, als der noch amtierende Vize-Weltmeister (von 2022 in Herning), Harrie Smolders als einer der Überlebenden der ausgeschiedenen niederländischen Mannschaft das Ziel erreicht hatte: Zwei Abwürfe unterwegs mit Mr. Tac (v. Non Stop) warfen ihn auf 12,68 Punkte zurück.

Der nächste Versprengte aus einer ausgeschiedenen Mannschaft schaffte es, sich die vorübergehende neue Führung mit einer Nullrunde zu sichern: der Spanier Armando Trapote auf Tornado VS (v. Toulon) blieb bei seinen 4,57 Punkten. Das reichte, bis der Kolumbianer Roberto Teran Tafur mit dem 18-jährigen Dez‘ Ooktoff (v. Colandro) fehlerfrei im Ziel war und mit 3,58 Punkten erst einmal auf den ersten Platz sprang, bis die ersten zehn Teams mit ihren Reitern die Sache in die Hand nahmen.

Wegen doppelten Pechs war einer an diesem Abend nicht dabei, den man im Vorfeld ganz sicher erwartet hatte: Der für Österreich startende Bayer Max Kühner hatte mit seinem EIC Cooley Jump The Q (v. Pacino) in beiden ersten Runden der WM jeweils zwei Abwürfe kassiert und schied damit sowohl in der Einzelwertung aus wie auch mit seinem Team Österreich, das auf Rang 24 lag. Denn nur noch die besten zehn Teams hatten ein Ticket für das Finale am Freitag.

Das komplette Einzel-Zwischenergebnis hier

Das komplette Team-Ergebnis hier