Treffen mit Team Germany: „Wenn es gut läuft, ist alles möglich“
Team Germany mit Halla: Otto Becker, Daniel Deusser, Maurice Tebbel, Christian Kukuk, André Thieme und Jan-Hein Swagemakers Foto: spring-reiter.de

Treffen mit Team Germany: „Wenn es gut läuft, ist alles möglich“

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Es ist das Team Deutschland, das da entspannt plaudernd  unter den alten Bäumen der Freiherr-von-Langen-Straße in Warendorf heran schlendert. Unverkennbar durch die neuen, in Rot-Tönen changierenden Tokio-Shirts. Vier potenzielle Medaillen-Gewinner. Mit dem Ziel Geschichte zu schreiben. Noch wirkt das Quartett beinahe wie eine Gruppe großer Jungs auf Klassenfahrt, jederzeit auch zu Unsinn bereit. Der zum Captain ernannte Daniel Deusser vorweg, drum herum André Thieme, Christian Kukuk und Maurice Tebbel. Und es dauert nicht lange, bis spring-reiter.de sie auch zum ersten Unsinn überreden kann: die gemeinsame Kaperung der Bronzestatue Halla vor dem FN-Sitz, der Erinnerung an die legendäre Stute, die ihren schwerkranken Reiter Hans-Günter Winkler bei Olympia 1956 durch den Parcours zu Gold trug.  Die aktuelle Nummer eins der FEI Weltrangliste, Daniel Deusser,  schwingt sich als  Erster mit einem gekonnten Satz auf „Halla“, Christian Kukuk bekommt Aufstiegshilfe von Maurice Tebbel.

Die „Klassenlehrer“, die in diesem Fall der Bundestrainer Otto Becker und der Team-Veterinär Jan-Hein Swagemakers sind, hatten schon vor dem Eingang des Hauptquartiers der FN, der Deutschen Reiterlichen Vereinigung auf die vier Top-Athleten gewartet. Auch sie wirken so wenige Tage vor dem Abflug zum großen gemeinsamen Abenteuer Olympische Spiele noch sehr entspannt. Denn Otto Becker kann die gute Nachricht verkünden: Alle Reiter und auch die Pferde, sind „fit to compete“.

Das Team Deutschland ist mit spring-reiter.de in Warendorf verabredet, um zu erzählen, wie man sich in diesem letzten Trainingslager gemeinsam vorbereitet, welche Erwartungen jeder mit Tokio verbindet und was sie vorbeugend gegen einen möglichen Lagerkoller tun werden. Der diesmal nicht mitreisende „Maestro“ Marcus Ehning hat ihnen jedenfalls am Vortag beim gemeinsamen Teamabend schon mal ein Geschenk überreicht: einen Koffer mit vielen Brett- und anderen Gesellschaftsspielen. Am liebsten würde der Bundestrainer seinem Team auch noch Skat beibringen. Denn der Bewegungsradius in Tokio ist auf ein Minimum beschränkt, die Reiter dürfen sich nur im Reitstadion oder im Hotel aufhalten und auch hier  steht nur ein Restaurant zur Verfügung, Pool und Fitnessräume bleiben geschlossen. „Wir fahren hin, um Sport zu machen“, bringt es der Bundestrainer auf den Punkt, und man werde eben versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.  Trainiert wird hier in Warendorf jetzt nur noch wenig und „ganz individuell. Am liebsten würde ich die Pferde in den Glasschrank stellen, aber das geht natürlich nicht.“ So stehen für den Einen  Gymnastik und für den Anderen noch Flutlichttraining auf dem Programm. Damit das auch klappt mit dem erklärten Ziel einer Mannschafts-Medaille.

Mindestens eine Medaille ist natürlich auch das Ziel des Weltranglistenersten, der als Erfahrenster im deutschen Team mit den meisten Championaten auf dem Konto um seine und die Stärken seiner „Kämpferin“ Killer Queen weiß.  „Die Erfolge mit Killer Queen in den letzten zwei Jahren sind sehr vielversprechend. Die Chance ist definitiv da“, sagt Deusser selbstbewusst. Auch wenn er weiß, dass im Parcours immer viel passieren kann und man am Ende auch das Quäntchen Glück braucht. „Ich weiß, dass mein Pferd alle Möglichkeiten hat, so einen Olympia-Parcours zu springen. Was zählt, ist, dass ich mich konzentriere und an dem Tag keine Fehler mache“, bringt es der 39jährige auf den Punkt, der sich selbst als nervenstark beschreibt. Auf die Frage, ob eine Silber- oder Bronze-Medaille in die Ecke fliegen würde, muss Deusser lachen. „Nein, wenn wir eine Medaille gewinnen, ob Bronze, Silber oder Gold, ist das ein absoluter Erfolg.“  Auch weil viele der Favoriten leistungstechnisch sehr dicht beieinander sind. Als seine größten Konkurrenten sieht Daniel Deusser die Briten Ben Maher mit Explosion W und Scott Brash mit Hello Jefferson.

Auch der dreifache Derby-Sieger André Thieme schätzt seine Chancen auf eine Medaille mit Chakaria in Tokio als durchaus realistisch ein. „Ich weiß, mit was für einem Pferd ich da gesegnet bin. Natürlich träume ich von einer Medaille, so wie die anderen auch. Selbst wenn mein Pferd vielleicht noch neu, grün und unerfahren ist, ist sie andererseits dafür natürlich auch noch ausgeruht und unverbraucht“, erzählt André Thieme. Wenn es gut läuft, sei auch bei ihm „alles möglich“. „In erster Linie hoffe ich, dass wir mit der Mannschaft eine top Performance hinlegen können“, sagt Thieme, bei dem die Vorfreude auf Olympia noch etwas gebremst ist. „Es ärgert mich, dass ich als Vollblutsportler –  ich habe so ziemlich jede Sportart gemacht, die man machen kann –  nicht bei den anderen Disziplinen zusehen kann.“ Und dass ihn keine Zuschauer aus der Heimat anfeuern können, findet Thieme auch mehr als schade. „Ich weiß, dass einfach wahnsinnig viele Leute nach Tokio gekommen wären, die Tribüne voll gewesen wäre, mit Freunden, Sportlern und Verwandten, die nur für mich angereist wären.“ 

Christian Kukuk freut sich neben den Wettkämpfen in Tokio mit seinem „selbstbewussten, unerschrockenen, temperamentvollen und ehrgeizigen“ Mumbai auch auf die gemeinsame Zeit mit seiner Schwester, die ihn auf dem Abenteuer Olympia in Japan begleiten wird. „Das ist für mich persönlich unheimlich schön und wichtig, weil wir uns sonst nicht so regelmäßig sehen.“ 

Familien-Unterstützung nimmt auch der Jüngste im Team, Maurice Tebbel, mit auf die Reise.  Der 27jährige wird von seinem Vater René Tebbel und seiner Frau Friederike begleitet. Nach dem öffentliche Unmut über die Entscheidung des Springausschusses, dass Maurice Tebbel mit Don Diarado als Mannschaftsreiter gesetzt ist, aber nicht im Einzel starten darf, weicht die anfängliche Enttäuschung und macht der  Vorfreude auf Olympia Platz. „Das war natürlich keine leichte Entscheidung für uns. Aber jetzt freut man sich doch auf die Spiele und gibt halt für das Team alles“,  resümiert Maurice Tebbel. Sein klares Ziel sei eine „Mannschafts-Medaille“. „Das ist mit dem neuen Reglement natürlich nicht einfach. Mit Tieren kann immer mal was sein, womit man nicht rechnet. Aber wir werden versuchen, unter den ersten Dreien zu landen.“

Dafür braucht die deutsche Equipe auch die gedrückten Daumen der Zuschauer am TV. Vor der Abreise sendet Maurice Tebbel noch einen Gruß an das Publikum zu Hause: „Ich hoffe, dass ihr uns alle die Daumen drückt und uns tatkräftig unterstützt. Wir geben unser Bestes und ich hoffe,  ihr seid bald alle wieder live dabei.“

Bevor es nach dem Treffen mit spring-reiter.de zurück zu den Pferden und damit zur Arbeit geht, blitzt dann doch noch mal die Gruppendynamik der Klassenfahrt auf: Alle gemeinsam singen sie ein Geburtstagsständchen in die Kamera für die Dressur-Queen Isabell Werth, die an diesem Mittwoch ihren Geburtstag in Tokio feiert. Denn sie ist schon vor Ort in der olympischen Blase, hat ihren ersten Start in drei Tagen und kann deshalb die Grüße aus Warendorf nur auf ihrem Smartphone entgegen nehmen.