Nach Wahnsinns-Stechen: Gold für Schweden! Deutsches Team im Pech
Stolze und über die Tage auch dominierende Schweden auf dem Weg zum Empfang der Goldmedaille Foto: Stefan Lafrentz

Nach Wahnsinns-Stechen: Gold für Schweden! Deutsches Team im Pech

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Was für ein Drama in der Entscheidung um die Medaillen im Mannschaftsspringen der Olympischen Spiele von Tokio. Penelope Leprevost durfte sich als letzte Starterin des Teams Frankreich mit Vancouver De Lanjore sogar einen Abwurf leisten, und das Gold wäre ihrem Team trotzdem sicher gewesen. Denn Simon Delestre auf Berlux  und Francois Billot auf Quel Filou hatten jeweils nur einen Zeitfehler eingesammlt. Aber dann fußte das Pferd der Mannschafts-Olympiasiegerin von 2016 am Einsprungs-Oxer der ersten Zweifachen ein, sprang nicht mehr weiter – sie musste neu anreiten, und Vancouver verweigerte endgültig. Da wegen der neuen Regeln kein Streichergebnis mehr möglich war, schied das ganze Team Frankreich aus, anstatt sich mit Gold zu krönen.

Bei den Schweden, bei denen Henrik von Eckermann mit King Edward die fünfte Nullrunde hintereinander in den Sand gezaubert hatte und Malin Baryard-Johnsson mit Indiana ihren ersten Abwurf in diesem Turnier hinnehmen musste, sah bei Schlussreiter Peder Fradricson auf All In bis zum letzten Sprung alles nach seiner fünften Nullrunde aus. Aber dann fiel sie, die letzte Stange, und die Schweden mussten ins Stechen um Gold und Silber gegen die USA.

Das US-Terzett hatte, nachdem die Mannschaft im Einzel nur von draußen der Entscheidung hatte zusehen können, mit Laura Kraut auf Baloutinue mit null vorgelegt. Es folgten Jessica Springsteen auf Don Juan Van De Donkhoeve und McLain Ward auf Contagious mit jeweils einem Abwurf.

Es wurde ein atemberaubendes Stechen, bei dem alle Reiter und Pferde aus den beiden Nationen noch einmal ran mussten – und alle sechs lieferten Nullrunden ab: Laura Kraut in 41,33 Sekunden, Henrik von Eckermann, zum sechsten Mal null, in 42,00 Sekunden, Jessica Springsteen in 42,95 Sekunden, Malin Baryard-Johnsson in 41,89 Sekunden, McLain Ward in 39,92 Sekunden – und dann machte Peder Fredricson den Sack zu. In 39,01 Sekunden war er mit All In im Ziel. Das war zum ersten Mal nach 1924 die Goldmedaille für Schweden, Silber für die USA. Mit einem Zeitunterschied nach diesen sechs Galoppaden durchs Stechen von 1,3 Sekunden! Auf Bronze rückte Belgien vor nach dem Ausscheiden von Penelope Leprevost.

Das Stichwort Pech aber war vor allem ein deutsches Thema. Denn dieses Pech klebte der Mannschaft in den Tagen von Tokio praktisch an den Hufen der Pferde. André Thieme war mit DSP Chakaria als Erster in den Umlauf gegangen. Die Stute war frisch – und das war an der Zweifachen auf der Schlusslinie auch das Problem: Sie kam zu dicht an den Sprung, die Stange fiel – und am vorletzten Sprung kam dann noch ein Folgefehler hinzu. Mit acht Punkten waren die Chancen auf eine Medaille schon deutlich verringert.

André Thieme sagte hinterher: „Es fing super an, es war ein ganz tolles Gefühl. Das Pferd war super locker, schon auf dem Abreiteplatz hatte ich das Gefühl, heute geht richtig was. Leider Gottes haben wir uns natürlich beim Abgehen auch einen Plan gemacht. Wir haben aufgrund der Erfahrungen aus den letzten Tagen für mein Pferd entschieden, auf der letzten Linie einen Galoppsprung mehr zu machen. Bei dem Plan bin ich geblieben, aber da hätte ich einfach flexibler sein müssen, weil das Pferd heute so locker durchsprang. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich bin stolz auf mein Pferd, dass sie das heute so super bewältigt hat, und dieser letzte Fehler war dann eindeutig nur ein Folgefehler von dem anderen. Ich habe mir das definitiv alles anders vorgestellt. Es tut mir ganz doll leid für meine Mannschaftskollegen.“

Seine Bilanz nach Olympia: „Ich habe die Sache eindeutig unterschätzt, ich habe gedacht, ein super Pferd reicht. Ich bin dann doch eines Besseren belehrt worden. Ich habe gesehen, wie viel dann doch zusammen passen muss, damit das dann auch erfolgreich abläuft. Vielleicht kam es dann doch etwas früh für das Pferd, aber das konnte am Ende keiner wissen, da die Resultate so gut und beständig waren.“

Zweiter Starter aus dem deutschen Team war Maurice Tebbel mit Don Diarado. Auch bei ihm war die Zweifache auf der Schlusslinie das Problem: Ein leichter Wischer mit der Hinterhand, und wieder fiel eine Stange. Vier Punkte kamen zusätzlich aufs Mannschaftskonto. Der 27-Jährige sagte nach seinem Ritt: „Ich bin natürlich enttäuscht. Nicht unbedingt mit meiner Runde, aber es waren eben vier Punkte zusätzlich zu Andrés acht, und das ist einfach zu viel, um unter den ersten drei mitzuspielen. Ich habe mir das anders vorgestellt und hätte gerne mit einer Nullrunde zu dem Ergebnis beigetragen. So ist leider unser Sport. Vier Punkte sind schnell passiert.“

Die Hoffnung, dass Daniel Deusser noch etwas an der Rangfolge auf seiner Killer Queen verbessern könnte, schwand nach einem super Anfang an der Dreifachen-Kombination: Am Einsprung musste sich die Stute richtig strecken, bekam einen Fehler und blieb dann vor dem nächsten Hindernis stehen. Schon waren es acht Punkte, da folgte eben nur noch ein Korrektursprung – und der Parcours war vorzeitig zu Ende. Daniel Deussers Resumee: „Warum, weshalb, wieso – so etwas ist uns noch nie passiert. Es ist für mich ganz schwer einzuschätzen. Aber wenn ihr Vertrauen in dem Moment nicht mehr so ist, wie es sein soll, macht es überhaupt keinen Sinn, den Parcours weiter zu reiten. Es ist nicht das, was ich erwartet habe, aber wir müssen das jetzt abhaken und nach vorne gucken. Es ging einfach heute nicht. Trotzdem muss ich sagen, über die Woche hat das Pferd nichts falsch gemacht und ich bin glücklich, dass sie es so überstanden hat. Morgen fahre ich nach Hause und gucke in die Zukunft.“

Bundestrainer Otto Becker machte aus seiner Enttäuschung kein Hehl: „Wie meine Gemütsverfassung ist? Gestern um diese Zeit war sie besser. Der gestrige Tag war ja sehr vielversprechend für uns, und wir hatten uns für heute natürlich auch was vorgenommen und erhofft. Aber manchmal gibt es so Tage, und das soll keine Entschuldigung sein, da läuft es einfach nicht. Bei Andrés Pferd hatte ich das Gefühl, dass es draußen noch viel besser war als gestern, viel mehr Galopp. Er hat auch richtig gut angefangen. Vielleicht haben wir auch zusammen die falsche Entscheidung getroffen, mit sechs Galoppsprüngen in die Zweifache zu gehen. Im Nachherein ist man immer schlauer, vielleicht wären fünf heute besser gewesen. Dann kam noch ein Folgefehler. Es hat sehr wehgetan, mit einem Fehler hätte es schon anders ausgesehen. Maurice hatte eine Superrunde, den muss ich an dieser Stelle auch mal loben. Der ist ja spät reingekommen, weil er nur im Team geritten ist. Daniel hat auch gut angefangen, aber was da passiert ist, kann ich auch noch nicht so richtig erklären. Er war bis dahin echt sehr gut unterwegs. Springreiten heißt null reiten. Das haben wir heute leider nicht hingekriegt.“

Das deutsche Team war am Ende nur Neunter und in guter Pech-Gesellschaft: Die Schweiz mit dem Weltranglisten-Zweiten Martin Fuchs auf Clooney und dem Weltranglisten-Dritten Steve Guerdat auf Venard de Cerisy war mit 28 Fehlern als Fünfte fehlermäßig weit weg von den Medaillen-Plätzen, ebenso wie die hochfavorisierten Briten, bei denen nach acht Punkten für Harry Charles und 16 Punkten für Holly Smith der frisch gekürte Einzel-Goldmedaillen-Gewinner Ben Maher mit seinem Explosion W gar nicht mehr antrat, was Platz zehn hinter den Deutschen bedeutete.

Das komplette Ergebnis hier