Seit knapp zwei Jahren schien Ruhe eingekehrt zu sein in den Holsteiner Verband, nachdem als Krisenmanager an der Spitze des Verbandes der Fehmaraner Hinrich Köhlbrandt die finanzielle Schieflage beseitigt und die Weichen neu gestellt hatte. Aber jetzt sorgt das frühere Vorstands-Mitglied Dr. Maximilian Slawinski für neue Unruhe, indem er grundsätzliche Fragen zur Ausrichtung des Verbandes stellt: Zuerst mit einem ersten „Offenen Brief“, der vor allem auf die Hengsthaltung des Verbandes zielt und auf den der Verband mit einer Stellungnahme reagierte, ohne Slawinski auch nur zu erwähnen. Das führte umgehend zum zweiten „Offenen Brief“, in dem noch einmal nachgelegt wurde.
Er ist, wie er selbst sagt, seit 25 Jahren „leidenschaftlicher Holsteiner Züchter“, weil er davon überzeugt ist, dass „Holsteiner immer noch die besten Springpferde der Welt sind“: Dr. Maximilian Slawinski, ist hauptberuflich als „Deep-Tech Exekutiv“ im Technologie-Bereich tätig, aber vom Pferde-Virus infiziert, seit er als Kind auf dem Gestüt von Peter Nagel-Tornau aufwuchs. Und jetzt sorgt er wieder einmal für Unruhe im Holsteiner Verband. Zum mindestens zweiten Mal: Von 2021 bis 2024 war er 2. Vorsitzender des Verbandes – und wurde dann mit Zweidrittel-Mehrheit von den Delegierten abgewählt, nachdem neun von 13 Körbezirken den entsprechenden Antrag gestellt haben. Die Diskussion auf der Delegiertenversammlung war damals nicht nur kritisch, sondern, wie er selbst es empfand, teilweise persönlich verletzend.
„Sie verkaufen, was Ihnen nicht gehört“, mit diesem massiven Angriff auf Vorstand und Geschäftsführung des Verbandes gibt der erste „Offene Brief“ schon in der Überschrift den Ton vor. „Ich schreibe Ihnen, weil Sie gerade dabei sind, in wenigen Monaten zu zerstören, was Generationen von Holsteiner Züchtern in über einem halben Jahrhundert aufgebaut haben – und weil Sie es tun, ohne diejenigen zu fragen, denen dieser Verband gehört. Der Holsteiner Verband ist keine Firma, die Sie nach Belieben abwickeln können. Er ist das gemeinsame Werk von Bauern, Züchtern und Pferdeleuten, die aus einem Arbeitspferd das beste Springpferd der Welt gemacht haben. Sie verwalten dieses Erbe. Sie besitzen es nicht.“
2019 habe der Ausverkauf unzähliger verbandseigener Pferde begonnen, „im Schnellverfahren versteigert, nach meiner Kenntnis unter Buchwert“. Nur eines „hatte damals noch niemand angerührt: die Verbandshengste. Sie sind das Einzige, was den Holsteiner Verband noch von jedem anderen Zuchtverband unterscheidet. Sie gehören allen Mitgliedern gemeinsam.“
Und dann kommen Slawinskis konkrete Fragen:
„Die Züchter haben ein Recht auf Antworten – jetzt, nicht nach vollendeten Tatsachen:
- Soll Keaton verkauft werden?
- Wird United Way bereits von Kaufinteressenten ausprobiert?
- Welche Hengste stehen noch auf Ihrer Liste?
- Gehört beispielsweise Conchezz dem Verband – oder vermarkten private Eigentümer ihren Hengst auf der Plattform der Holsteiner Züchter?
- Gibt es weitere Hengste die dem Verband teilweise oder gar nicht gehören (Eigentum)?
- Wer hat diese Verkäufe beschlossen, und auf welcher Grundlage in der Satzung?
- Wohin fließt das Geld aus dem Verkauf unseres Vermögens?“
Die Antwort zu United Way wusste er wahrscheinlich vorher schon, spätestens seitdem dessen Bereiter Lucas Wenz seinen Abschied als Verbandsreiter bekanntgegeben hatte: Der Hengst wird aktuell von Maximilian Weishaupt geritten, der schon im vergangenen Jahr Zuccero HV aus dem Holsteiner Verbandshengststall übernommen hatte. Es gehe darum „zu sehen, wie und ob der Hengst und Max gut zusammenpassen und man sich auch finanziell einig wird. Sollte, aus welchen Gründen auch immer, das Übereinkommen nicht zustande kommen, nehmen wir ihn gerne wieder nach Elmshorn“ erklärte dazu Hengsthaltungs-Geschäftsführer Felix Flinzer.
In der Stellungnahme des Holsteiner Verbands auf den ersten „Offenen Brief“ wird das Prinzip, das dahintersteht, ausführlich erklärt, nämlich „ausgewählte Hengste gezielt in den internationalen Spitzensport zu bringen, ihre Sportrechte zu vermarkten und sie nach einer erfolgreichen Karriere möglichst wieder der Holsteiner Zucht zur Verfügung zu stellen. Die Vorsitzenden der Körbezirke tragen die Strategie geschlossen und vollumfänglich mit.“
Im Kern geht es um die Trennung von Sport- und Zuchtrechten. „Werden ausschließlich die Sportrechte veräußert, kann die Hengsthaltungs GmbH an der züchterischen Nutzung beteiligt bleiben und gleichzeitig die wirtschaftlichen Voraussetzungen für attraktive Mitgliedskonditionen sichern. Das Modell soll zudem finanziellen Spielraum schaffen. Denn die Pferdezucht steht weltweit vor der Herausforderung rückläufiger Bedeckungszahlen. Für die Holsteiner Verband Hengsthaltungs GmbH geht es deshalb um mehr als die Vermarktung einzelner Hengste: Es geht um die langfristige Sicherung der eigenen wirtschaftlichen und züchterischen Handlungsfähigkeit.“
Die Richtung heißt: „Sporterfolg soll zum Motor für die langfristige züchterische Nutzung und Sicherung der Holsteiner Genetik werden. Dafür werden Kooperationen mit international erfolgreichen Springreitern aufgebaut und ausgebaut. Die Hengste sollen unter bestmöglichen sportlichen Bedingungen entwickelt werden – mit dem Ziel, sie im Idealfall bis zu Championaten und in die Global Champions Tour zu führen.“
Internationale Erfolge sollen nicht nur den Wert und die Bekanntheit einzelner Hengste steigern, „sie sollen zugleich die Leistungsfähigkeit der Holsteiner Zucht international sichtbar machen und das Vertrauen von Züchtern und Kunden in die Holsteiner Genetik stärken. Außerdem hat sich gezeigt, dass Sporterfolge der Väter die Begehrlichkeiten ihrer Nachkommen auf dem Markt häufig gesteigert haben.“
Dass Dr. Slawinski dieses Konzept nicht überzeugt, war klar. Im zweiten „Offenen Brief“ schreibt er: „Ihr Konzept lebt von Absichten. Die Hengste sollen nach ihrer Sportkarriere ,möglichst‘ wieder der Holsteiner Zucht zur Verfügung stehen. Sie ,können‘ nach Elmshorn zurückkehren. Die Erlöse ,sollen‘ wieder in die Zucht investiert werden. Nichts davon ist eine Zusage. Die Züchter geben ihre besten Hengste ab und erhalten dafür Hoffnungen.“
Das, was gerade in Schleswig-Holstein so nachdrücklich öffentlich zur Diskussion gestellt wird, ist eine Frage, die die Zukunft eigentlich aller deutschen Traditionsverbände betrifft: Wohin soll angesichts der Marktentwicklung und rückläufiger Bedeckungszahlen ihre Reise gehen? Dabei müssen Antworten gefunden werden zu
– Alleinstellungsmerkmale einer Marke/Exklusivität
– Weiterentwicklung und Pflege von Ausbildung, Know-how
– Sicherung der züchterischen Qualität
– und aktives Verbandsleben (nicht nur in der Krise und auf Insta) sowie offensive Diskussionskultur.
Vielleicht auch darum, wie überflüssige Bürokratie beseitigt wird – also alles in allem sind es Probleme, deren Lösung in der ganzen Gesellschaft anstehen.
